Tiefgang · Folge 56
Frank Meyer über Bewegungen, Purpose und Strategie aus der Organisation
Dr. Frank Meyer · damals CEO E.ON Italien, heute Board Member Robert Bosch GmbH
· 47 Min.
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Worum es geht
Dr. Frank Meyer hat bei E.ON das Geschäft mit Energielösungen für Privathaushalte aufgebaut: von 20 Millionen Euro Umsatz mit hohen Verlusten auf 800 Millionen, profitabel und mit 40 Prozent Wachstum, in viereinhalb Jahren. Danach übernahm er E.ON Italien und rief dort die Bewegung „Make Italy Green“ ins Leben.
Seine Überzeugung: Außergewöhnliches entsteht, wenn Führung einen Kontext schafft, in dem gewöhnliche Menschen über sich hinauswachsen. Dazu braucht es drei Dinge: einen messbaren Purpose, das Gefühl persönlicher Wirkung und Zugehörigkeit mit psychologischer Sicherheit. Die neue Strategie für Italien entwickelten mehr als 200 Mitarbeitende mit, als Geschichte statt als Foliensatz. Den Ansatz haben Meyer und Sebastian Morgner schon bei Vodafone gemeinsam erprobt.
Im Gespräch erzählt Meyer, warum Management und Führung zwei verschiedene Dinge sind, warum ein CEO in den Dialog mit Tausenden gehen muss und wie eine Bewegung über das Unternehmen hinauswächst: mit 110.000 gepflanzten Bäumen, 18.000 Schülerinnen und Schülern und Energiegemeinschaften, die Nachbarn Solarstrom teilen lassen.
Sechs Gedanken aus dem Gespräch
Gewöhnliche Menschen, außergewöhnliche Ergebnisse
Führung heißt für Meyer Verantwortung für Menschen, Geschäft und Gesellschaft. Und einen Kontext zu schaffen, in dem Menschen ihr volles Potenzial erreichen.
Purpose allein reicht nicht
Ein Purpose wirkt erst, wenn jeder seinen Beitrag messen kann und spürt, dass sein Handeln zählt. Dazu kommt Zugehörigkeit, die Fehler und Versuche erlaubt.
Strategie von innen nach außen
Statt Strategie in Hinterzimmern zu entwickeln, lud Meyer alle Mitarbeitenden ein. Mehr als 200 machten mit und wurden zu Multiplikatoren der Umsetzung.
Dialog mit Tausenden
Eine jährliche Mitarbeiterbefragung ist kein Dialog. Führung muss Wege finden, mit Tausenden zu sprechen, zuzuhören und Entscheidungen zu erklären.
Management ist nicht Führung
Mit klassischen Werkzeugen wächst ein Geschäft um drei bis fünf Prozent. Außergewöhnliches erfordert einen anderen Blick: Führung als Moderation und Verbindung.
Bewegung über das Unternehmen hinaus
Bäume pflanzen, Seegras vor Sizilien setzen, mit 600 Schulklassen arbeiten: Make Italy Green macht Mitarbeitende, Kunden und Nachbarn zu Beteiligten der Energiewende.
Gewöhnliche Menschen können gemeinsam Außergewöhnliches schaffen.
Kapitel
- 00:08Begrüßung
- 01:08Arbeiten in Italien
- 02:30Was Führung für ihn bedeutet
- 03:37Einen Kontext der Bewegung schaffen: Purpose, Wirkung, Zugehörigkeit
- 05:23Was er bei Muhammad Yunus gelernt hat
- 08:57Neurowissenschaft und Führung
- 12:38Strategieaktivierung mit mehr als 200 Mitarbeitenden
- 16:55Wie Dialog mit Tausenden gelingt
- 18:50Ein neues Führungsverständnis: von 20 auf 800 Millionen Euro
- 23:50Führung als Moderation: zuhören und Punkte verbinden
- 25:31Die Rolle von Unternehmensberatungen
- 27:18Harte Entscheidungen erklären
- 29:45Die Bewegung Make Italy Green
- 33:4218.000 Schülerinnen und Schüler und ihre Familien
- 35:26Wie Bewegung und Geschäft zusammenhängen
- 38:15Energiegemeinschaften: die Deutsche Schule Mailand
- 44:18Was ihn antreibt und sein Rat an junge Talente
Über den Gast
Dr. Frank Meyer ist Board Member der Robert Bosch GmbH. Zum Zeitpunkt des Gesprächs war er CEO von E.ON Italien und als einflussreichster Energie-CEO des Jahres ausgezeichnet. Zuvor baute er bei E.ON das europäische Geschäft mit Energielösungen für Privathaushalte auf. Davor war er Strategiechef von Vodafone Deutschland und arbeitete bei der Boston Consulting Group, wo er unter anderem Muhammad Yunus beim Aufbau von Social Businesses unterstützte. Seit rund zehn Jahren beschäftigt er sich mit Neurowissenschaft und Führung.
Das Gespräch zum Nachlesen
Ausgewählte Passagen
Aus dem Englischen übertragen und sprachlich geglättet. Es gilt das gesprochene Wort.
Einen Kontext der Bewegung schaffen
Sebastian Morgner: Was bedeutet Führung für dich?
Frank Meyer: Zuerst Verantwortung, für Menschen, für das Geschäft und für die Gesellschaft. Und dann, einen Kontext zu schaffen, in dem Menschen über sich hinauswachsen und ihr volles Potenzial erreichen. Gewöhnliche Menschen, wie wir alle es sind, ich eingeschlossen, können gemeinsam Außergewöhnliches schaffen.
Frank Meyer: Ein wichtiges Element ist ein starker Purpose. Bei uns heißt er Make Italy Green. Jede Photovoltaikanlage, jede Batterie, jede Wärmepumpe lässt sich in eingesparten CO2 messen. So wird für jeden konkret, wie er zum Purpose beiträgt. Aber Purpose allein bedeutet nichts. Bei einem Projekt mit Professor Yunus habe ich mit Non-Profit-Organisationen gearbeitet. Der Purpose war höchstmöglich, und trotzdem war ich manchmal frustriert, weil vieles bürokratisch und langsam war. Man braucht das Gefühl persönlicher Wirkung. Das dritte Element ist Zugehörigkeit, in Italien sagen wir ohne Übertreibung: Familie. Wer dazugehört, vertraut den anderen und weiß, dass er um Hilfe bitten kann. Diese psychologische Sicherheit braucht es, damit Menschen Neues ausprobieren und Fehler machen.
Strategie mit der Organisation
Frank Meyer: Viele Unternehmen entwickeln Strategie mit einer kleinen Gruppe aus dem Topmanagement und einer Beratung, in abgetrennten Räumen. Nach Wochen und Monaten kommt eine Präsentation mit vielen Details heraus. Dann heißt es: Das ist die Strategie, jetzt umsetzen. Es passiert aber nichts, weil die Organisation nicht aktiviert ist.
Frank Meyer: Ich glaube, Strategie muss umgekehrt entstehen, aus der Organisation und mit ihr. In meiner ersten Betriebsversammlung in Italien habe ich gesagt: Wir haben die richtigen Leute, aber wir brauchen eine neue Strategie, und jeder, der will, kann mitmachen. Am Ende waren es mehr als 200 Menschen. In kreativen Arbeitssitzungen haben sie eine Geschichte geschrieben: woher wir kommen, worauf wir stolz sind, welche Trends kommen, wohin wir wollen. Das Ergebnis ist keine Präsentation, sondern eine Geschichte mit Bildern und sehr konkreten Ideen. Natürlich braucht es zusätzlich einen Prozess von oben, Umsatzziele schlagen die Mitarbeitenden nicht vor. Aber mit 200 Multiplikatoren ist die Organisation schon aktiviert, wenn das Ergebnis steht. Sie hat es ja selbst geschaffen. Das haben wir übrigens gemeinsam bei Vodafone gemacht.
Management und Führung
Sebastian Morgner: Viele Topmanager scheuen diesen Dialog mit der Organisation. Was braucht es dafür?
Frank Meyer: Ein völlig anderes Verständnis. Ehrlich gesagt hatte ich vor zehn Jahren auch ein anderes. Ich bin in einer Managementausbildung groß geworden, in der das Management die klugen Leute sind, die die richtigen Entscheidungen treffen. Richtige Entscheidungen sind extrem wichtig. Aber die Kraft der Umsetzung kommt von den Menschen.
Frank Meyer: Als wir bei E.ON das Geschäft für Privathaushalte aufgebaut haben, hat niemand daran geglaubt. Nach einem Jahr sagten viele, wir würden es schließen. Wir haben es in viereinhalb Jahren von 20 Millionen Euro Umsatz mit hohen Verlusten auf 800 Millionen gebracht, profitabel und mit 40 Prozent Wachstum. Nicht wegen meiner klugen Entscheidungen, wir haben auch falsche getroffen und korrigiert. Sondern weil Menschen über sich hinauswachsen konnten und wollten. Management und Führung sind zwei verschiedene Dinge. Mit klassischen Werkzeugen wächst ein Geschäft um drei oder fünf Prozent. Außergewöhnliches erreicht man so nicht.
Make Italy Green
Frank Meyer: Der nächste Schritt ist, die Bewegung über das Unternehmen hinaus zu tragen, zu Kunden, Partnern und in die Gesellschaft. Wir geben der UNESCO nicht einfach Geld. Wir fahren gemeinsam nach Sizilien und pflanzen Posidonia, ein Seegras, das für das Meer wichtig ist und CO2 bindet, mit Mitarbeitenden, Menschen vor Ort und Schulen. Wir haben 110.000 Bäume gepflanzt, auch das nicht per Überweisung, sondern mit eigenen Händen.
Frank Meyer: Im vergangenen Jahr hat unser Team mit mehr als 600 Schulklassen gearbeitet, mit 18.000 Schülerinnen und Schülern. Wir haben ihnen nicht erklärt, wie sie sich verhalten sollen. Wir haben sie nach ihren Ideen gefragt und aus den besten ein Buch gemacht. Dann haben wir die Familien befragt. Mehr als 60 Prozent kannten die Aktivitäten ihrer Kinder, 40 Prozent sagten, sie hätten daraufhin etwas verändert oder planten es. Bei 18.000 Familien ist das eine Bewegung.
Ein Rat
Frank Meyer: Ich habe gelernt, nicht zu viele Ratschläge zu geben, denn dahinter steckt oft das alte Denken: Ich bin klüger als du. Meine wichtigste Empfehlung: Vertraue dir selbst und finde deinen Weg. Hör nicht zu sehr darauf, was andere für richtig halten. Finde in dir, was dich motiviert und was dein persönlicher Purpose ist. Dann geh deinen Weg. Wenn du das verstanden hast, findest du auch Menschen, die dich unterstützen.
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