Tiefgang · Folge 46
Azadeh Farajpour Javazmi über Boden, Wissenschaft in der Praxis und Führung, die alle mitzieht
Azadeh Farajpour Javazmi · Gründerin von betterSoil, Club of Rome
· 50 Min.
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Worum es geht
Azadeh Farajpour Javazmi wuchs im Iran auf und kam Ende 2014 nach Deutschland, ohne die Sprache zu sprechen. Sie studierte nachhaltige internationale Landwirtschaft in Göttingen und Kassel und forschte ab 2018 am Institut von Prof. Franz-Josef Radermacher zum Boden als Kohlenstoffspeicher. Dort arbeitete sie unter anderem für den Marshallplan mit Afrika und die Allianz für Entwicklung und Klima.
Aus Frustration gründete sie betterSoil. Die Wissenschaft wisse längst, wie Böden besser werden, sagt sie, aber in der Praxis komme zu wenig an. Weltweit gehen jedes Jahr rund zehn Millionen Hektar fruchtbarer Boden verloren. betterSoil entwickelt mit Bäuerinnen und Bauern Rezepte für bessere Böden, gebaut auf vier Prinzipien: Bodenbewirtschaftung, Kompost, Pflanzenkohle und Agroforst. Das Team arbeitet in Kenia, Malawi und im Iran.
Im Gespräch erklärt sie, warum Boden die Brücke zwischen Klimaschutz und Ernährung ist, wie ein Diskussionspapier Menschen hinter einem Ziel vereinte, die sich persönlich nicht ausstehen können, und was sie unter Führung versteht: dass alle an einem Strang ziehen.
Sechs Gedanken aus dem Gespräch
Vom Wissen ins Tun
Viele Lösungen sind wissenschaftlich belegt und werden trotzdem endlos diskutiert. betterSoil entstand, weil die Gründerin nicht mehr nur reden, sondern machen wollte.
Kein Rezept für alle
Jeder Boden, jedes Klima, jede Kultur verlangt eine eigene Antwort. Wissenschaft und das Erfahrungswissen der Bauern ergeben zusammen das passende Rezept.
Genug statt null
Wer alles auf null setzen will, schließt große Gruppen aus. Wer das richtige Maß sucht, gewinnt auch Partner aus der Industrie.
Ein Ziel über Gegensätze hinweg
Ein gut formuliertes gemeinsames Anliegen bringt Menschen zusammen, die sich sonst nicht einig sind, bis auf ein gemeinsames Papier.
Alle an einem Strang
Führung heißt für Farajpour Javazmi, mitzuweinen, mitzufiebern und mitzuziehen. Niemand vorn, niemand hinten.
Nie aufgeben, aber anders anklopfen
Ablehnung gehört dazu. Wer an dieselbe Tür immer gleich klopft, kommt nicht weiter. Wer die Sprache des Gegenübers lernt, schon.
Never give up, aber nicht immer an die gleiche Tür klopfen.
Kapitel
- 00:08Begrüßung
- 01:40Warum der Boden fasziniert
- 03:20Boden als Brücke zwischen Klimaschutz und Ernährung
- 05:53Vom Iran nach Deutschland und in die Bodenforschung
- 09:30Marshallplan mit Afrika und Allianz für Entwicklung und Klima
- 12:18Aus Frustration gegründet: von der Theorie in die Praxis
- 14:53Warum Wissen so selten in der Praxis ankommt
- 16:55Was betterSoil macht: Rezepte für bessere Böden
- 19:49Der Weg in den Club of Rome
- 24:18Die Vision: eine Milliarde Menschen
- 27:33Widerstände und Partner in der Industrie
- 32:20Was Führung für sie bedeutet
- 34:06Warum Boden kaum im Gespräch ist
- 36:32Pläne in Deutschland
- 39:45Was begeistert und was zermürbt
- 41:21Die wichtigste Lektion: nie aufgeben
- 43:44Wie man betterSoil unterstützen kann
Über den Gast
Azadeh Farajpour Javazmi ist Gründerin von betterSoil und Associate Member des Club of Rome. Sie ist im Iran geboren und aufgewachsen und kam Ende 2014 nach Deutschland. In Göttingen und Kassel studierte sie nachhaltige internationale Landwirtschaft. Ab 2018 forschte sie am Institut von Prof. Franz-Josef Radermacher zum Boden als Kohlenstoffsenke und arbeitete drei Jahre für die Allianz für Entwicklung und Klima. Mit betterSoil fördert sie gesunde Böden in Kenia, Malawi und im Iran.
Das Gespräch zum Nachlesen
Ausgewählte Passagen
Sprachlich geglättete Auszüge. Es gilt das gesprochene Wort.
Boden als Brücke
Sebastian Morgner: Warum fasziniert dich das Thema Boden so?
Azadeh Farajpour Javazmi: In einem Teelöffel Erde leben mehr Lebewesen, als es Menschen auf der Erde gibt, und wir sind fast acht Milliarden. Das beeindruckt mich sehr. Boden ist die Brücke zwischen Klimaschutz und Ernährung. Er kann viel CO2 aufnehmen und zum Klimaschutz beitragen oder genau das Gegenteil tun und viel CO2 abgeben. Er kann eine gesündere Lebensmittelproduktion fördern oder dafür sorgen, dass wir uns nur den Bauch vollschlagen. Unter unseren Füßen liegt eine ganz andere Welt, die wir nicht sehen.
Aus Frustration gegründet
Azadeh Farajpour Javazmi: Ich habe die Initiative aus purer Frustration gegründet. Ich bin Wissenschaftlerin, Bodenwissenschaftlerin. Es gibt viele Belege dafür, wie Böden verbessert werden können, wie sie mehr Ertrag bringen, Ernten widerstandsfähiger machen und zum Klimaschutz beitragen. Aber in der Praxis kommt nur ein Bruchteil davon an. Irgendwann habe ich gesagt: Jetzt ist Schluss. Ich will nicht mehr nur reden und diskutieren, welcher Weg am besten wäre. Ich will die Macherin sein.
Azadeh Farajpour Javazmi: Bei der Pflanzenkohle zum Beispiel gibt es Studien, die bis zu dreihundert Prozent mehr Ertrag zeigen, und andere, die keine Wirkung finden. Wir diskutieren das seit Jahren. Kollegen in Nigeria haben es einfach ausprobiert und mir Bilder geschickt. Der Mais auf der behandelten Fläche stand mindestens fünfzig Zentimeter höher als ein paar Meter daneben. Das sind doch Ergebnisse.
Genug ist genug
Azadeh Farajpour Javazmi: Wenn du mit Menschen aus der Industrie sprichst, will niemand die Böden kaputtmachen. Je nachdem, wo du stehst, hast du andere Argumente. Wir wollen nichts auf null setzen. Man operiert einen Menschen, wenn es nötig ist, aber nicht jeden Tag, denn mit jeder Operation wird der Körper verletzlicher. Genauso beim Boden: nicht zu viel und nicht zu wenig. Wenn ich sage, wir bringen alles auf null, schließen sich viele gar nicht an. Dann habe ich eine riesige Gruppe ausgeschlossen.
Azadeh Farajpour Javazmi: So kam auch unser Diskussionspapier zustande, unterstützt von Politikerinnen, Unternehmern, Wissenschaftlerinnen und Bauern. Darauf stehen Namen von Menschen, die sich persönlich gar nicht mögen. Aber weil wir es so kommuniziert haben, dass wir alle davon profitieren wollen, haben sie sich angeschlossen.
Was Führung bedeutet
Sebastian Morgner: Was bedeutet Leadership für dich in diesem Kontext?
Azadeh Farajpour Javazmi: Ich weine mit, ich fiebere mit, ich ziehe mit, ich lache mit. Es ist nicht: Du und ich, und ich bin dein Chef. Wenn es dem Team schlecht geht, geht es mir genauso. Niemand ist vorn, niemand ist hinten, wir stehen alle in einer Reihe. Ich habe mir einen Satz aufgeschrieben: alle an einem Strang ziehen. Führung heißt für mich, eine Atmosphäre zu schaffen, in der alle mitziehen können.
Nie aufgeben
Azadeh Farajpour Javazmi: Meine wichtigste Lektion: never give up. Aber nicht so, dass man immer an dieselbe Tür klopft. In schwierigen Situationen muss man andere Wege und andere Lösungen finden. Viele sagen: Toll, wunderbar, und vergessen mich dann. Dann gehe ich wieder zu denselben Menschen, aber auf einem anderen Weg. Ich muss lernen, welche Sprache sie sprechen, was eine Nachhaltigkeitsmanagerin unter Boden versteht. Das ist viel Lernen.
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