Tiefgang · Folge 40
Alexandra Eberhardt über Gemeinschaft, Glauben und Führung nach dem Brand
Alexandra Eberhardt · Pfarrerin der ev. Gemeinde Ammersee West
· 53 Min.
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Worum es geht
Alexandra Eberhardt leitet mit ihrem Mann die evangelische Gemeinde am Westufer des Ammersees, als Teil einer sechsköpfigen Leitungsspitze. Mit sechzehn erlebte sie bei einem Austausch nahe Sydney einen lebendigen Glauben in Gemeinschaft. Nach dem Abitur fragte sie sich, was sie vierzig Jahre lang tun will, sodass jede Stunde es wert war, und studierte Theologie.
Ihr Führungsverständnis hat sich gewandelt. Früher galt: Der Leiter hat die Vision und entfacht das Feuer dafür. Heute sieht sie ihre Aufgabe darin, die Ideen der Gemeindeglieder zu erkennen, aufzunehmen und zu befähigen. Lange Rundbriefe über Ziele blieben ohne Echo. Handgeschriebene Karten, die jedem Mitarbeiter seine Stärken spiegelten, lösten Tränen und Umarmungen aus.
Im August 2021 brannte die hölzerne Christuskirche in Utting nieder. Im Gespräch erzählt Eberhardt, wie sie die Gemeinde durch diese Zeit führt, warum Glauben in der Führungsrolle hilft, geerdet zu bleiben und auch einmal ratlos sein zu dürfen, und was Führungskräfte aus den Biografien der Bibel lernen können.
Sechs Gedanken aus dem Gespräch
Persönlich statt programmatisch
Rundbriefe über Strategie und Ziele erreichten niemanden. Persönliche Karten, die Stärken benennen, berührten jeden Einzelnen. Gerade bei schwierigen Mitarbeitenden lohnt sich der Aufwand.
Der Geist wirkt auch von unten
Gute Leitung hat eine Vision, sieht aber vor allem die Ideen der anderen und befähigt sie, diese umzusetzen. Oft genügt ein kleiner Anschub.
Schwächen öffnen Räume
Wo die Leiterin selbst keine Begabung hat, etwa in der Musik, fanden sich Menschen, die genau dort aufblühten. Gemeinde wächst auch über die Schwächen ihrer Leitung.
Mensch sein dürfen
Glauben hilft, geerdet zu bleiben: ratlos sein zu dürfen, Fehler einzugestehen, um Verzeihung zu bitten, Hilfe anzunehmen. Teams schätzen eine Leitung, die ihnen nichts vorspielt.
Nach dem Feuer wächst Neues
Nach dem Brand kamen hunderte Mails, Raumangebote und Spenden. In der Krise wurde Kreativität frei, und die Gemeinde entwickelte sich in eine unerwartete Richtung.
Regelmäßig zurücktreten
Mit Abstand, meist im Urlaub, fragen: Was ist mir wirklich wichtig? Wie will ich am Ende wahrgenommen werden? Passt der Aufwand zur Wichtigkeit?
Man hat in der Kirche entdeckt, dass der Heilige Geist nicht nur von oben nach unten wirkt, sondern auch umgekehrt.
Kapitel
- 00:01Begrüßung
- 03:18Der Weg ins Pfarramt: ein Austausch nahe Sydney
- 06:42Gemeinschaft stiften als Leitungsaufgabe
- 08:15Leiten im Team und das Beispiel der Weihnachtskarten
- 12:16Vom Visionär zum Befähiger: ein neuer Leitungsstil
- 15:30Wie der Glaube beim Führen hilft
- 18:00Gottes Reich bauen: Wer kann mitmachen?
- 20:39Führen ohne Glauben?
- 23:05Das Gleichnis von den anvertrauten Talenten
- 24:56Schwächen als Einladung an andere
- 26:51Der Brand der Christuskirche
- 30:14Glaube und Schicksalsschläge
- 34:30Wie eine Predigt entsteht
- 37:18Ihre Lieblingsstelle in der Bibel
- 39:17Wie kann Gott das Böse zulassen?
- 44:19Was Führungskräfte aus der Bibel lernen können
- 46:54Weihnachten als Einübung ins Vertrauen
- 51:05Ihr Rat an junge Menschen
Über den Gast
Alexandra Eberhardt ist Pfarrerin der evangelischen Gemeinde am Westufer des Ammersees. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie die erste Pfarrstelle inne und gehört zum Leitungsteam der Gemeinde. Nach einem Schulaustausch in Australien studierte sie Theologie, sammelte in Praktika bei innovativen Gemeinden Erfahrung und absolvierte ihr Vikariat im Allgäu. Gemeindeaufbau und Gemeindeentwicklung sind ihre Leidenschaft.
Das Gespräch zum Nachlesen
Ausgewählte Passagen
Sprachlich geglättete Auszüge. Es gilt das gesprochene Wort.
Die Weihnachtskarten
Alexandra Eberhardt: Als ich ein halbes Jahr Pfarrerin war, mit vielen Gemeindeaufbau-Theorien aus dem Studium im Kopf, habe ich zu Weihnachten Briefe verschickt. Darin habe ich ausgeführt, wo wir stehen, wo wir hinwollen, wie wir Ziele erreichen können. Die Resonanz war vernichtend, es kam quasi gar nichts. Das habe ich zweimal gemacht. Dann habe ich überlegt, worüber ich mich selbst freuen würde: über etwas Persönliches.
Alexandra Eberhardt: Also habe ich Weihnachtskarten mit der Hand geschrieben, für jeden Schlüsselmitarbeiter eine eigene. Darin stand, wie ich die Person im Lauf des Jahres erlebt habe, welche Begabungen und Stärken ich gesehen habe, was mich begeistert hat. Die Reaktionen waren überwältigend. Die Leute haben geweint und mich in den Arm genommen. Das ist aufwendiger, vor allem bei denen, mit denen es im Jahr geknirscht hat. Aber gerade da ist es am wichtigsten.
Ein neuer Leitungsstil
Alexandra Eberhardt: Als ich vor fünfzehn, achtzehn Jahren angefangen habe, wurde auf Kongressen oft dieses Bild vermittelt: Der Leiter hat die Vision, und seine Aufgabe ist, durch viele Predigten das Feuer dafür bei den Gemeindegliedern zu entfachen. Heute sehe ich meine Aufgabe anders. Viele Ideen kommen aus der Gemeinde selbst. Leitung soll sie sehen, aufnehmen und dazu motivieren, sie weiterzuverfolgen. Ich möchte Raum schaffen, damit andere ihre Ideen verwirklichen können, und sie befähigen, wo sie es wollen. Manchmal braucht es nur einen ganz kleinen Anschub. Salopp gesagt: Man hat in der Kirche entdeckt, dass der Heilige Geist nicht nur von oben nach unten wirkt, sondern auch umgekehrt.
Mensch sein dürfen
Alexandra Eberhardt: Ich würde nicht sagen, dass ein Atheist nicht führen kann. Aber mit Glauben ist es leichter. Der Glaube hilft, geerdet zu bleiben. Auch mal ratlos sein zu dürfen. Nicht immer der Manager sein zu müssen, der weiß, wo es langgeht. Fehler machen und um Verzeihung bitten zu dürfen, Hilfe annehmen zu können, schwach sein zu dürfen. Das sind Dinge, die vielen Führungskräften Bauchweh machen. Der Glaube hilft, sich nicht größer zu machen, als man ist, und authentisch zu sein. Teams schätzen das, wenn ihnen nicht der ewig starke Leiter vorgespielt wird.
Alexandra Eberhardt: Wo ich keine Begabung habe, bei mir ist es das Musikalische, suche ich mir Menschen, die es gut können. In beiden Gemeinden, in denen ich war, sind genau diese Bereiche stark geworden. Gemeindeaufbau funktioniert nicht nur über meine Fähigkeiten, sondern auch über meine Schwächen, wenn ich gut damit umgehe.
Nach dem Brand
Alexandra Eberhardt: Die Presse hat mich seit August immer wieder gefragt, wie sich das anfühlt, und ich hatte den Eindruck, ich müsste großes Gefühlskino liefern. Aber am Anfang habe ich funktioniert. Wir haben in vier Tagen einen großen Abschiedsgottesdienst organisiert, mit sehr vielen Leuten. Danach bin ich Schritt für Schritt weitergegangen. Und wir haben früh gemerkt, dass eine Welle der Hilfsbereitschaft losgebrochen ist: Raumangebote noch und nöcher, Spendenaktionen, hunderte Mails, in denen Menschen ihre Geschichten mit der Christuskirche erzählt und ihre beruflichen Fähigkeiten angeboten haben.
Alexandra Eberhardt: Mein Mann und ich waren vor vielen Jahren in amerikanischen Nationalparks. Die Ranger erzählten, dass sich nach einem Feuer ganz andere Tiere und Pflanzen ansiedeln. Man darf das Bild nicht überstrapazieren, und eine abgebrannte Kirche ist etwas anderes als ein Mensch, der gestorben ist. Aber seit August entsteht bei uns viel Neues, in eine Richtung, die mir vor einem halben Jahr nicht in den Sinn gekommen wäre.
Der gute Hirte
Alexandra Eberhardt: Jesus hat seine Führungsrolle mit einem Hirten verglichen. Ob ein Hirte gut ist, zeigt sich, wenn der Wolf kommt. Die angeheuerte Hilfskraft läuft davon, der wahre Hirte bleibt und kümmert sich um die Schafe. Unser Wolf ist im Moment die abgebrannte Kirche. Ich möchte durch mein Tun und Reden vermitteln: Wir als Leitungsteam sind da, wir sind verlässlich, und ihr könnt darauf bauen, dass wir mit euch gemeinsam eine neue Kirche bauen.
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