Tiefgang · Folge 70
Gabriele Fischer über Neugier, gute Geschichten und den Mut zur Vision
Gabriele Fischer · Gründerin und Chefredakteurin von brand eins
· 1 Std. 5 Min.
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Worum es geht
Gabriele Fischer hat keine Wirtschaft studiert. Trotzdem hat sie den deutschen Wirtschaftsjournalismus geprägt wie kaum jemand. Beim manager magazin entdeckte sie ein Feld, in dem viele Fragen nie gestellt wurden. Für den Spiegel entwickelte sie das Magazin Econy, das der Verlag nach zwei Ausgaben einstellte. Sie machte auf eigene Rechnung weiter, verlor die Marke und gründete 1999 brand eins.
Ihr Rezept: Wirtschaft so erzählen, dass sie jeder versteht. Wissen bleibt hängen, wenn es mit Emotion verbunden ist. In einer Leserbefragung gaben 78 Prozent an, brand eins habe schon einmal eine ihrer Überzeugungen verändert. Das, sagt Fischer, schaffen Medien sonst kaum.
Im Gespräch geht es um Neugier als Haltung, um Populismus und den Wunsch nach einfachen Lösungen, um guten Journalismus und den Fall Relotius. Fischer erklärt, warum sie mit dem Wort Leadership fremdelt und warum Deutschland die Kritik belohnt und nicht die Vision.
Sechs Gedanken aus dem Gespräch
Neugier als Beruf
Im Journalismus gilt Neugier als Tugend statt als Fehler. Fischer fragt bis heute lieber nach, als so zu tun, als wüsste sie schon alles.
Wissen braucht Emotion
Zahlenkolonnen merkt sich niemand. Geschichten, die Wissen mit Gefühl verbinden, erzählt man weiter, sogar der eigenen Mutter.
Ein neues Land mit offenen Augen bereisen
Wer Wandel beschreibt, sollte nicht hinter jedem Kaktus eine Tarantel vermuten. Erst hinschauen, dann urteilen.
Führung ist einfacher, als sie gemacht wird
Mit Reinhard Sprenger: Motivieren kann man Menschen nicht, nur aufhören, sie zu demotivieren. Wer den Raum weit macht, bekommt das Beste.
Wir belohnen die Kritik, nicht die Vision
Deutschland feiert investigative Recherchen und verspottet große Bilder der Zukunft. Erfolgsgeschichten fehlen im kollektiven Bewusstsein.
Bleiben Sie bei Ihrer Sache
Wer überzeugt ist, sollte sich nicht von denen abbringen lassen, die alles besser wissen. brand eins hat viele solcher Ratgeber überlebt.
Wir belohnen die Kritik, und wir belohnen nicht die Vision.
Kapitel
- 00:05Begrüßung
- 01:15Persönlich: sieben Uhr morgens, der Isemarkt, Optimismus
- 04:45Bücher, die den Blick verändern
- 06:55Warum sie das Wort Heldenreise nicht mag
- 07:57Wendepunkte: Journalistenschule, Lokalredaktion, manager magazin
- 12:00Neugier als Beruf und der Weg zur Wirtschaft
- 16:25Wirtschaft so erzählen, dass jeder sie versteht
- 20:11Econy, das Aus beim Spiegel und der Neustart als brand eins
- 22:26Wissen braucht Emotion: Geschichten statt Zahlen
- 25:30Medien, die Überzeugungen verändern, und das Grundeinkommen
- 29:40Was sie nicht erwartet hätte: Krieg, Antisemitismus, Populismus
- 34:49Trump und der Wunsch nach einfachen Lösungen
- 38:02Was guten Journalismus ausmacht
- 42:46Relotius: warum der Fall bei brand eins nicht passiert wäre
- 44:44Was sie am Begriff Leadership stört
- 47:26Ärger über Chefs und die Kantinen-Theorie
- 49:51Warum Deutschland die Kritik belohnt und nicht die Vision
- 56:16Die Zukunft von brand eins und des Journalismus
- 61:37Ein Leben ohne soziale Medien
- 63:17Ihr Rat an junge Menschen
Über den Gast
Gabriele Fischer ist Gründerin und langjährige Chefredakteurin von brand eins. Sie besuchte die Journalistenschule in Hamburg, arbeitete fünf Jahre im Lokaljournalismus und danach rund zehn Jahre beim manager magazin, die letzten fünf in der Chefredaktion. Für den Spiegel-Verlag entwickelte sie das Wirtschaftsmagazin Econy. 1999 gründete sie brand eins, das Wirtschaft über Menschen, Ideen und Haltung erzählt. Sie lebt in Hamburg.
Das Gespräch zum Nachlesen
Ausgewählte Passagen
Sprachlich geglättete Auszüge. Es gilt das gesprochene Wort.
Warum Wirtschaft
Sebastian Morgner: Woher kam Ihr Interesse für Wirtschaft?
Gabriele Fischer: Eigentlich über den Journalismus. Journalismus ist ein Beruf, bei dem Neugier kein Fehler ist, sondern eine Tugend. Man darf alle möglichen Fragen stellen, und das wird geschätzt. Bei Wirtschaft hatte ich damals das Gefühl, sie werde als Insider-Club erklärt, für Menschen mit MBA. Viele Fragen wurden gar nicht gestellt. Meine erste Titelgeschichte beschäftigte sich damit, wie Menschen an der Spitze trotzdem so viel Fehlverhalten begehen.
Gabriele Fischer: Wirtschaft ist der Hebel, mit dem sich am meisten verändern lässt. Bis die Politik etwas ändert, dauert es lange. Deshalb wollten wir später mit Econy und brand eins Wirtschaftsmedien machen, die auch komplexe Zusammenhänge so erzählen, dass jeder sie versteht. Heute ist jeder ein Wirtschaftsakteur. Jeder Arzt sollte mehr von Ökonomie verstehen, als er in der Regel versteht.
Geschichten statt Zahlen
Gabriele Fischer: Wir nehmen Wissen besser auf, wenn es mit Emotion verbunden ist. Eine Zahlenseite merkt sich niemand. Wenn Wissen aber mit einem Gefühl verbunden ist, merken Sie es sich und erzählen es weiter. Wir haben uns von Anfang an so verstanden: Wir fahren in ein neues Land, das neue Wirtschaftsland, und das kennen wir noch nicht. Dann sollte man nicht vor allem Angst haben, sondern mit offenen Augen hingehen und neugierig sein. Wenn man etwas am Wandel sieht, nicht sofort Mord und Totschlag schreiben, sondern schauen, ob es ein Kaktus ist oder eine Tarantel.
Gabriele Fischer: Nach einigen Jahren haben wir unsere Leser befragt. Eine Antwort hat mich verblüfft: 78 Prozent sagten, brand eins habe schon einmal eine ihrer Überzeugungen verändert. Das können Medien eigentlich nicht. Medien verstärken meistens nur, was wir ohnehin denken.
Was Führung ausmacht
Sebastian Morgner: Sie fremdeln mit dem Begriff Leadership. Warum?
Gabriele Fischer: Weil Führung gar nicht so kompliziert ist, wie sie oft gemacht wird. Mich begleitet seit vielen Jahren ein Satz von Reinhard Sprenger: Du kannst Menschen nicht motivieren, du kannst nur aufhören, sie zu demotivieren. Damit kommt man erstaunlich weit. Mach den Raum für deine Kolleginnen und Kollegen so weit, dass sie ihr Bestes geben können.
Gabriele Fischer: Wir machen Hefte zum Thema Führung, und die verkaufen sich am besten. Das Bedürfnis ist groß. Aber wir erzählen am Beispiel. Nicht der Theoretiker, der erklärt, wie man führen soll, sondern Menschen, die es tun, und deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Kopf noch oben tragen.
Kritik statt Vision
Sebastian Morgner: Warum tun wir uns in Deutschland so schwer mit positiven Zukunftsbildern?
Gabriele Fischer: Dafür gibt es mehrere Gründe. In den USA lernen Studierende früh, einen Saal rhetorisch zu begeistern. Das trainieren wir nicht. Dort darf ein Text populärwissenschaftlich sein, bei uns muss alles wissenschaftlich klingen. Und wir haben eine Kultur, die schon in der Schule die Gegenthese und die Kritik prämiert.
Gabriele Fischer: Im Journalismus gehen die meisten Preise an investigative Geschichten. Eine Geschichte, die erzählt, wie gut etwas gelaufen ist, braucht schon eine echte Ehrenfeder, um ausgezeichnet zu werden. Wir belohnen die Kritik, und wir belohnen nicht die Vision. Das ist schade, denn große Teile der Bevölkerung verweigern inzwischen Nachrichten, weil sie die Aneinanderreihung von Katastrophen schwer aushalten.
Ein Rat
Gabriele Fischer: Ich halte nicht viel von Ratschlägen. Aber wenn ich eine Erfahrung weitergeben darf: Wenn Sie von einer Sache überzeugt sind, lassen Sie sich nicht von denen abbringen, die alle wissen, wie es besser geht. Davon hatten wir auf unserem Weg genug, Leute, die sagten, es gebe doch schon so viele Wirtschaftsmagazine. Es hängt viel davon ab, wie sehr Sie von dem überzeugt sind, was Sie machen.
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