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Sebastian MorgnerFühren mit Sinn & Struktur
Kira Geiss im Podcast Tiefgang

Tiefgang · Folge 62

Kira Geiss über Klischees, Grenzen und was junge Menschen von Führung brauchen

Kira Geiss · Miss Germany 2023

· 56 Min.

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Worum es geht

Kira Geiss stammt vom Bodensee und zog nach Magdeburg, um dort mit zwei Mitstreiterinnen eine Jugendgemeinde aufzubauen: in einem Stadtteil mit Tausenden junger Menschen und kaum einem Angebot für sie. Kostenloser Musik-, Gesangs- und Tanzunterricht, Sport, offene Abende. Um mehr junge Menschen zu erreichen, suchte sie eine größere Bühne und fand sie in einem Wettbewerb, den sie zunächst für einen Schönheitswettbewerb hielt.

Seit 2019 bewertet Miss Germany Frauen nach ihrem Anliegen statt nach ihrem Aussehen. Aus 15.000 Bewerberinnen setzte sich Geiss 2023 durch, mit dem Thema Förderung der jungen Generation und verantwortungsvoller Umgang mit Social Media. Die Kriterien der Jury: Inspirationsfähigkeit, Motivationsfähigkeit, Professionalität. Kriterien, sagt Sebastian Morgner im Gespräch, nach denen man auch gute Führung bewerten könnte.

Im Gespräch geht es um Klischees über Generationen, die beide Seiten verletzen, um das erste Jahr in der Öffentlichkeit und um die Grenzen, die Geiss dabei ziehen lernte. Und um die Frage, was junge Menschen von Führung erwarten: dass jemand an sie glaubt, sie ernst nimmt und ihnen einen klaren Rahmen gibt.

Sechs Gedanken aus dem Gespräch

  1. Gesehen und gefördert werden

    Gute Jugendarbeit schafft Räume außerhalb von Schule und Zuhause, in denen junge Menschen mit ihren Stärken und Schwächen gesehen werden. Geiss hat das selbst erlebt.

  2. Klischees werden zu Prophezeiungen

    Wer jahrelang hört, er sei faul und tauge nichts, glaubt es irgendwann. Pauschalurteile über Generationen schaden allen Beteiligten.

  3. Verantwortung liegt bei denen, die führen

    Einen gesunden Umgang mit Smartphone und Social Media muss jemand vorleben. Statt Vorwürfe auszutauschen, sollten Generationen gemeinsam an ihren Stärken und Schwächen arbeiten.

  4. Grenzen setzen lernen

    Nach Wochen voller Auftritte stand Geiss erschöpft auf einer Bühne. Seitdem ist sie erst ab zehn Uhr erreichbar und hält sich die Morgen frei.

  5. Vertrauen und Struktur zugleich

    Junge Menschen brauchen Führungskräfte, die an sie glauben, und einen klaren Rahmen. Wie bei einer Speisekarte: Aus fünfzehn Gerichten wählt es sich leichter als aus fünfundvierzig.

  6. Deine Stimme zählt

    Junge Menschen sollten ihre Meinung äußern, auch ohne lange Berufserfahrung. Und die Älteren sollten zuhören.

Wir brauchen Menschen, die an uns glauben und uns ernst nehmen, und Leute, die Strukturen für uns schaffen.

Kira Geiss über Führung aus Sicht der jungen Generation

Kapitel

  1. 00:07Begrüßung
  2. 01:37Persönlich: Magdeburg, Bücher, Musik und ihr Glaube
  3. 06:29Was Schönheit bedeutet und wie sich Miss Germany verändert hat
  4. 09:40Jugendarbeit in Magdeburg und der Weg zum Wettbewerb
  5. 13:47Neun Monate, 15.000 Bewerberinnen, drei Kriterien
  6. 17:23Ein Jahr als Miss Germany: Höhepunkte
  7. 21:43Erschöpfung und das Lernen, Grenzen zu setzen
  8. 25:00Verantwortung für Räume in den sozialen Medien
  9. 27:52Was junge Menschen in der Jugendarbeit brauchen
  10. 32:40Klischees über die Generation Z
  11. 35:19Klischees über die Boomer und die Aufmerksamkeitsökonomie
  12. 41:01Arbeitsbilder, die Generationen voneinander übernehmen
  13. 46:49Was junge Menschen von guter Führung erwarten
  14. 52:10Worauf sie sich in der Zukunft freut
  15. 53:01Ihr Rat: Deine Stimme ist wichtig

Über den Gast

Kira Geiss ist Miss Germany 2023. Sie wuchs am Bodensee auf und lebt in Magdeburg, wo sie eine Jugendgemeinde mitgegründet hat. Sie arbeitet als Jugendbeauftragte eines kirchlichen Verbands und begleitet Gemeinden beim Aufbau von Jugendarbeit. Daneben spricht sie als Selbstständige in Politik und Wirtschaft über die junge Generation, die Zusammenarbeit der Generationen und den Umgang mit Social Media. Sie engagiert sich im Bündnis für die junge Generation des Bundesfamilienministeriums.

Das Gespräch zum Nachlesen

Ausgewählte Passagen

Sprachlich geglättete Auszüge. Es gilt das gesprochene Wort.

Eine Plattform für Inhalte

Sebastian Morgner: Was bedeutet Schönheit für dich?

Kira Geiss: Für mich ist Schönheit etwas Individuelles. Was ich attraktiv finde, findet mein Nachbar vielleicht überhaupt nicht ansprechend. Deshalb tue ich mich schwer damit, wenn Leute Normen aufstellen, wie man aussehen muss, um als schön zu gelten. Seit 2019 ist Miss Germany ein anderer Wettbewerb. Frauen werden nicht mehr nach Größe, Konfektionsgröße oder Gewicht bewertet, sondern nach dem Thema, mit dem sie antreten. Mit meinem Thema habe ich gewonnen, nicht mit meinem Aussehen. Das ist mir sehr wichtig.

Kira Geiss: Aus 15.000 Bewerberinnen wurden 160 ausgewählt, dann 80, 40, 20, dann das Finale. Wir mussten Konzepte ausarbeiten und immer wieder überzeugen, dass wir nicht nur eine nette Idee haben, sondern dass sie Hand und Fuß hat. Dazwischen gab es viele Workshops, zu Bühnenpräsenz, zu Diskriminierung, zu finanzieller Unabhängigkeit. Die Jury hatte drei Kriterien: Inspirationsfähigkeit, Motivationsfähigkeit und Professionalität.

Grenzen setzen

Kira Geiss: Ich habe in den letzten anderthalb Jahren neu gelernt, wo meine Grenzen sind. Wenn man immer arbeiten kann, arbeitet man immer. Ich erinnere mich an einen Vortrag nach zwei, drei Wochen am Stück unterwegs, jeden Tag eine andere Stadt, ein anderer Vortrag. Ich stand auf der Bühne und dachte: Wenn ich hier noch eine Minute länger stehe, falle ich um. Ich war einfach fertig.

Kira Geiss: Mir ist wichtig, darüber zu sprechen, weil oft behauptet wird, die junge Generation arbeite nicht mehr. Ich kenne viele junge Menschen, die gern und viel arbeiten und immer wieder an ihre Grenzen kommen. Seit diesem Erlebnis bin ich erst ab zehn Uhr erreichbar und mache vorher keine Termine. Den Morgen habe ich für mich.

Klischees über Generationen

Sebastian Morgner: Macht diese ganze Diskussion über Generationen aus deiner Sicht überhaupt Sinn?

Kira Geiss: Ich finde sie schwierig. Es bringt nichts, sich an Klischees festzuklammern, weder bei der Generation Z noch bei den Boomern. Die einen faul, die anderen arbeitssüchtig: Das Einzige, was man damit bewirkt, ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Wer sein Leben lang hört, dass er zu nichts taugt, dass er faul ist und nur am Handy hängt, glaubt es irgendwann.

Kira Geiss: Und für mich bedeutet Führung Verantwortung. Die älteren Generationen haben uns großgezogen und leiten uns an. Viele haben aber selbst keinen gesunden Umgang mit Social Media und haben ihn uns deshalb nie vermittelt. Statt an Klischees festzuhalten, wäre es klüger zu fragen: Wie arbeiten wir mit unseren Stärken und Schwächen zusammen?

Was junge Menschen von Führung brauchen

Sebastian Morgner: Was erwarten junge Menschen von guter Führung?

Kira Geiss: Wir brauchen Menschen, die an uns glauben und uns ernst nehmen, und Leute, die Strukturen für uns schaffen. Durch die Digitalisierung sehen wir alles, wir können jede Kultur kennenlernen, bei jedem Krieg so nah dran sein, als stünden wir daneben. Uns wird vermittelt, wir könnten alles sein. Das überfordert. Es ist wie im Restaurant: Aus fünfzehn Gerichten wählt man leichter als aus fünfundvierzig.

Kira Geiss: Am Beispiel eines Projekts: Nicht vorgeben, wie jeder Schritt aussieht, sondern den Rahmen setzen. Bis dann musst du fertig sein, dann kommt die Zwischenprüfung. Wie du die Zeit dazwischen gestaltest, welches Material du verwendest, bleibt dir überlassen. Wir müssen wissen, woran wir sind. Und Unternehmen können Bedürfnisse aufgreifen, etwa einen Kreis gründen, der überlegt, wie das Unternehmen nachhaltiger wird.

Deine Stimme ist wichtig

Kira Geiss: Diese Frage bekomme ich oft gestellt, und meine Antwort ist immer dieselbe: Deine Stimme ist wichtig, ob in der Kirche, in der Arbeitswelt oder privat. Es geht nicht nur darum, eine Meinung zu haben, sondern sie dort zu äußern, wo es angebracht ist. Viele junge Menschen trauen sich nicht, weil sie wenig Lebenserfahrung haben und von oben hören: Du hast doch erst ein paar Jahre gearbeitet. Mein Rat an die ältere Generation: Hört auf die Stimmen. Und an die junge: Lernt, sie zu erheben.

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