Tiefgang · Folge 58
Michael Kramer über Schulführung, Stärken und das Feuer der Erstklässler
Michael Kramer · Rektor der Carl-Orff-Schulen Dießen
· 56 Min.
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Worum es geht
Michael Kramer leitet die Carl-Orff-Grund- und Mittelschule in Dießen am Ammersee. Davor arbeitete er fünfeinhalb Jahre im bayerischen Kultusministerium, wo die Beschwerdebriefe aus ganz Bayern landeten. Er erwartete eine erschöpfte Schule und fand ein Kollegium, das die Schule gestalten will.
Sein Einstieg: beobachten und zuhören. Gleich in den ersten Monaten führte er strukturierte Gespräche mit jeder Lehrkraft, um Stärken und Interessen kennenzulernen. Daraus entstanden Steuergruppen zu Bildung für nachhaltige Entwicklung, Digitalisierung und Inklusion und aus ihnen Projekte: ein Schulacker, das iPad-Projekt „Digitale Schule der Zukunft“, zehn Arbeitsgemeinschaften allein in der Grundschule. Fortbildung entsteht dort, wo die Projekte sie verlangen.
Im Gespräch erzählt Kramer, wie ihn selbst eine Grundschullehrerin prägte, die hinter seine „Verhaltenskreativität“ blickte, und wie er über Bundeswehr, Abendschule und Ausbildung doch noch ins Lehramt fand. Er spricht über Leistungsdruck, der von außen kommt, über die Frage, warum Kinder voller Begeisterung in die erste Klasse kommen und manche sie bis zur vierten verlieren, und über die Kompetenzen, die die Generation Alpha braucht.
Sechs Gedanken aus dem Gespräch
Erst zuhören, dann gestalten
Strukturierte Gespräche mit allen Lehrkräften zeigten Kramer, wer welche Stärken mitbringt. Erst dann ließen sich Steuergruppen und Zuständigkeiten sinnvoll verteilen.
Stärken einsetzen statt Lücken füllen
Wer keine Affinität zur Digitalisierung hat, bringt vielleicht Musik oder Kunst mit. Eine Schule wird von den Talenten geprägt, die ihr Kollegium einbringt.
Lernen im Tun
Fortbildungsbedarf entsteht aus konkreten Projekten, etwa beim iPad-Programm mit seinen Datenschutzfragen. So wird Weiterbildung zum eigenen Anliegen statt zur Pflicht.
Den Blick hinter die Fassade
Eine Lehrerin, die mehr sieht als das Verhalten, kann ein Leben prägen. Kramer weiß das aus eigener Erfahrung.
Der Druck kommt von außen
Wenn Eltern in der ersten Klasse den Übertritt aufs Gymnasium festlegen, trägt das Kind Erwartungen, die mit ihm wenig zu tun haben. Normierung ist auch eine gesellschaftliche Frage.
Führung ist eine Reise
Kramers Rat an junge Menschen: geduldig sein, mit sich und anderen, aus Erfahrungen lernen und nie stehen bleiben. Stillstand schadet jeder Organisation.
Führung ist eine Reise und keine Ziellinie.
Kapitel
- 00:07Begrüßung
- 01:30Was gute Führung einer Schule ausmacht
- 03:20Gestaltungsspielraum in einer Behörde
- 06:32Arbeitsgemeinschaften, Schulacker und Expertise von außen
- 09:40Eigene Schulzeit und eine prägende Grundschullehrerin
- 12:06Der Umweg über Bundeswehr, Abendschule und Ausbildung
- 13:38Lehrplan und Kompetenzorientierung
- 17:32Vom Ministerium an die Schule: was ihn überrascht hat
- 20:43Der Einstieg: beobachten und Mitarbeitergespräche führen
- 24:39Fortbildung, die aus Projekten entsteht
- 27:26Eltern als Partner
- 33:22Noten, Leistungsdruck und Persönlichkeitsbildung
- 37:16Warum manche Kinder ihre Begeisterung verlieren
- 41:58Der Wert des Handwerks
- 43:37Was die Generation Alpha mitbringt und braucht
- 46:58Die ideale Schule
- 51:53Ein Rat zum Thema Führung
Über den Gast
Michael Kramer ist Rektor der Carl-Orff-Grund- und Mittelschule in Dießen am Ammersee. Zuvor war er fünfeinhalb Jahre im bayerischen Kultusministerium tätig. Nach Bundeswehr, Abendschule und einer kaufmännischen Ausbildung studierte er Lehramt. Er gehört zu den jüngsten Leitern einer Schule dieser Größe in Bayern und ist als Referent in der Führungskräfteausbildung für Lehrkräfte tätig.
Das Gespräch zum Nachlesen
Ausgewählte Passagen
Sprachlich geglättete Auszüge. Es gilt das gesprochene Wort.
Gute Schulführung
Sebastian Morgner: Was verstehen Sie unter guter Führung einer Schule?
Michael Kramer: Eltern sehen Schule als Raum, in dem unterrichtet wird. Tatsächlich ist Schule auch eine Behörde, ich bin also auch Behördenleiter. Gute Schulführung heißt für mich, eine klare Vision für die Schule zu haben und sie mit dem Kollegium und den Schülern zu teilen. Das klingt einfach und ist es nicht. Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Hausmeister, Sekretärinnen: Alle haben unterschiedliche Ansprüche an Führung. Deshalb habe ich die Schule in Steuergruppen organisiert, mit breiter Beteiligung und klaren Zielen, etwa zu Bildung für nachhaltige Entwicklung, zu Digitalisierung und zu Inklusion.
Der Einstieg
Michael Kramer: Mein Vorgänger war 21 Jahre an der Schule. Und ich kam aus dem Ministerium, mit einem gewissen Stallgeruch: der, der all diese Entscheidungen verbrochen hat. Am Anfang habe ich deshalb erst einmal beobachtet, wie die Schule tickt und welche Menschen hier täglich arbeiten. Und ich habe von Anfang an strukturierte Mitarbeitergespräche geführt. Das ist ungewöhnlich, weil man die Menschen noch nicht kennt. Aber im Januar musste ich bereits die dienstlichen Beurteilungen schreiben.
Michael Kramer: Was ich in diesen Gesprächen gelernt habe, davon profitiere ich heute noch. Steuergruppen kann ich nur organisieren, wenn ich weiß, wo die Stärken und Schwächen des Kollegiums liegen. Museumspädagogik anzubieten bringt nichts, wenn sich niemand für Museen interessiert. Heute sind die Zuständigkeiten klar. Mit meinen beiden Stellvertreterinnen, eine für die Grundschule, eine für die Mittelschule, bin ich in anderthalb Jahren zu einem Führungsteam zusammengewachsen.
Eine Lehrerin, die hinter die Fassade blickt
Michael Kramer: Ich bin gern zur Schule gegangen, aber eher wegen der Freundschaften, des Fußballs und der Klassenfahrten. Ich fühlte mich oft unterfordert und wurde, sagen wir, sehr verhaltenskreativ. Meine Grundschullehrerin ist bis heute ein Vorbild für mich. Sie war vollkommen authentisch, hat hinter diese Verhaltenskreativität geblickt und mich gefördert. Damals hat es nicht gereicht. Richtig aufgewacht bin ich erst später, als mich jemand wieder so sah. Dann habe ich neben der Bundeswehr die Abendschule besucht, eine Ausbildung gemacht und schließlich Lehramt studiert. Für mich ist das ein Zeichen, dass die Entscheidung nach der vierten Klasse nicht das ganze Leben prägen muss.
Woher der Druck kommt
Michael Kramer: Bei der Einschulung stellte eine Mutter ihr Kind in der ersten Klassenelternversammlung vor: Das ist Kevin, und Kevin wird in der vierten Klasse aufs Gymnasium übertreten. Das ist dieses Jahr wirklich passiert. Was passiert mit Kevin, wenn er die Kompetenzen in diesen vier Jahren nicht erwerben kann? Dann haben die Schule und die Lehrkraft versagt, nur Kevin nicht. Und Kevin soll auch nicht das Gefühl haben, versagt zu haben. Jedes Kind hat Talente, die es in die Gesellschaft einbringen kann.
Michael Kramer: Kinder kommen mit riesiger Begeisterung in die erste Klasse. Für mich ist die entscheidende Frage: Was passiert, dass manche bis zur vierten Klasse diese Motivation verlieren? Die Fragen „Wie stehe ich da, wenn mein Kind nicht aufs Gymnasium geht?“ oder „Habe ich als Eltern versagt?“ führen komplett am Kind vorbei. Ist Normierung eine Sache der Schule oder der Gesellschaft? Da müssen wir uns alle an die eigene Nase fassen.
Ein Rat zum Thema Führung
Michael Kramer: Mein Rat wäre, geduldig zu sein. Nicht jede Chance sofort zu nutzen, sondern gut zu überlegen, ob man diesen Weg gehen will und die persönlichen Kompetenzen mitbringt. Man bringt viel von seinem Leben ein, viel Zeit, und auch das private Umfeld wird davon geprägt. Seid geduldig mit euch selbst und mit anderen, lernt aus euren Erfahrungen und entwickelt euch ständig weiter. Stillstand ist ein Urteil für jede Organisation. Wer als Mensch nicht mehr wachsen will, ist in einer Führungsposition auf dem falschen Weg. Führung ist eine Reise und keine Ziellinie.
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