Tiefgang · Folge 78
Imke Mahner über Leistungskultur: Wollen, Können, Dürfen
Imke Mahner · Chief People & Culture Officer und Vorstand der Hays AG
· 46 Min.
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Worum es geht
Im Sport ist Leistung etwas Gutes. In der Wirtschaft galt sie lange als Chance. Heute klingt das Wort nach Vorwurf: Deutschland leiste zu wenig, die junge Generation sowieso. Imke Mahner beobachtet diese Wende seit etwa drei Jahren. In guten Zeiten wurde Leistung belohnt, in schwierigen wurde sie zum Mangel erklärt, bis hinein in die politische Debatte.
Mahner ist Chief People & Culture Officer für Deutschland und CEMEA und Mitglied des Vorstands der Hays AG. Als Organisationspsychologin verantwortet sie die Kultur im eigenen Haus und blickt zugleich täglich in die Leistungsrealität hunderter Kundenunternehmen. Grundlage des Gesprächs ist der HR Report 2026 von Hays, für den rund tausend Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz befragt wurden: Entscheider, Führungskräfte, Mitarbeitende und Personalverantwortliche.
Ihre zentrale These: Wir haben kein Problem mit dem Wollen. Die Leistungsbereitschaft ist da, im Sport, im Fitnessstudio, in den sozialen Medien. Im Job kommt sie nicht an, weil Unternehmen die Bedingungen nicht liefern. Im Gespräch geht es um den Dreiklang Wollen, Können, Dürfen, um Führung zwischen Schönwetter und Micromanagement und um drei Hebel, die sofort wirken.
Sechs Gedanken aus dem Gespräch
Vom Anreiz zum Vorwurf
Solange die Wirtschaft lief, wurde Leistung belohnt. Seit die Lage schwieriger ist, wird über Leistung vor allem als Mangel gesprochen. Das verändert, wie Menschen das Wort hören.
Die junge Generation will leisten
Die Daten widerlegen den Mythos der leistungsunwilligen Jüngeren. Sie fragen nur genauer, wofür sie sich einsetzen und was sie dafür zurückbekommen.
Wollen, Können, Dürfen
Leistung braucht Bereitschaft, Fähigkeiten und Werkzeuge. Den Ausschlag gibt das Dürfen: ob Unternehmen Menschen, die wollen und können, tatsächlich leisten lassen.
Fördern statt nur fordern
Leistung gilt oft als Bringschuld des Einzelnen. Unternehmen, die mit Zielen, Gesprächen und Anreizen fördern, erreichen deutlich mehr Zustimmung zur Leistungskultur.
Von der Schönwetterführung zum Vertrauen
Laufen die Zahlen nicht mehr, kippen viele Führungskräfte ins Micromanagement. Gefragt ist das Gegenteil: zuhören, gemeinsam nach Ursachen suchen, Freiraum lassen.
Drei Hebel für Führungskräfte
Leichtigkeit und Anerkennung zurückbringen, klare Erwartungen und Prioritäten setzen, Vertrauen schenken. Ein kurzes Lob kostet nichts und wirkt.
Wir haben kein Wollen-Problem. Menschen wollen leisten, aber sie scheitern oft an strukturellen Bedingungen.
Kapitel
- 00:00Begrüßung: der HR Report 2026
- 01:30Persönlich: Morgenmensch, Joggen, Tennis
- 02:23Was sie an ihrer Arbeit motiviert
- 03:10Werdegang: England, Beratung, HR-Transformation, Hays
- 06:16Was sie als Führungskraft geprägt hat
- 08:33Wie sich der Blick auf gute Arbeit verändert hat
- 12:22Woran sie merkt, dass sie etwas geleistet hat
- 13:59Wie Leistung zum Unwort wurde
- 17:15Wie der HR Report entstanden ist
- 19:43Der Dreiklang: Wollen, Können, Dürfen
- 21:17Wollen: der Mythos der leistungsunwilligen Generation
- 24:28Dürfen: zwischen Fordern und Fördern
- 28:31KI-Transformation: Kostenhebel oder Kompetenzhebel
- 32:55Der blinde Fleck der Leistungsdebatte
- 35:13Von der Schönwetterführung ins Micromanagement
- 38:30Wirkung statt Tätigkeit
- 41:44Drei Tipps für Führungskräfte
- 44:59Ein Rat an junge Menschen
Über den Gast
Imke Mahner ist Chief People & Culture Officer für Deutschland und CEMEA und Mitglied des Vorstands der Hays AG. Sie studierte Arbeits- und Organisationspsychologie in England und schloss dort ihren Master ab. Danach beriet sie rund zehn Jahre große Unternehmen in Fragen von Organisation, Veränderung und Talententwicklung. Anschließend wechselte sie in operative Personalrollen und verantwortete eine umfassende HR-Transformation. Seit fünf Jahren ist sie bei Hays, seit zwei Jahren im Vorstand, als erste Personalverantwortliche und erste Frau in diesem Gremium.
Das Gespräch zum Nachlesen
Ausgewählte Passagen
Sprachlich geglättete Auszüge. Es gilt das gesprochene Wort.
Wie Leistung zum Vorwurf wurde
Sebastian Morgner: Leistung ist in Deutschland fast zum Unwort geworden. Ein großer Konzern wollte einmal ein Training zur Leistungskultur und bat mich, das Wort Leistung nicht in den Mund zu nehmen. Wie erklärst du dir das?
Imke Mahner: Im Sport ist Leistung sehr positiv belegt. Man gibt jeden Tag sein Bestes, übt, hört nicht auf. Auch in guten wirtschaftlichen Zeiten haben wir Leistung positiv behandelt: Wer gute Ergebnisse erzielte, wurde belohnt, ob mit Gehalt oder anderen Anreizen. In den letzten drei Jahren ist das Thema gekippt. Als die wirtschaftliche Lage schwieriger wurde, hieß es auf einmal, die Leistung sei weg. Bis auf die politische Ebene: Deutschland sei nicht mehr leistungsbereit, die junge Generation sowieso. Man hat aus dem Wort einen Mangel gemacht.
Wollen, Können, Dürfen
Imke Mahner: Ich liebe diesen Dreiklang. Beim Wollen geht es um die Bereitschaft: Will ich Leistung erbringen? Beim Können um Fähigkeiten, Fertigkeiten und die richtigen Werkzeuge, also Training, Onboarding, Infrastruktur. Und das dritte Thema ist für mich das spannendste: das Dürfen. Was müssen Unternehmen tun, deren Mitarbeitende wollen und können? Dürfen sie auch? Das ist für mich die eigentliche Knackpunktfrage.
Imke Mahner: Beim Wollen haben die Daten Gott sei Dank den unschönen Mythos widerlegt, die junge Generation wolle nicht leisten. Sie will leisten, aber sie schaut genauer hin, wofür und was sie dafür bekommt. Wenn ich mir junge Menschen außerhalb der Arbeit anschaue, sehe ich eine faszinierende Disziplin: Sport, kein Zucker, kein Alkohol, ständig im Fitnessstudio. Da ist eine riesige Bereitschaft für die Dinge, für die sie brennen.
Fordern und Fördern
Imke Mahner: Beim Dürfen sehen wir ein Dilemma zwischen Fordern und Fördern. Es wird unheimlich viel gefordert. Leistung gilt als Bringschuld des Einzelnen: Jeder Mitarbeiter muss jeden Tag Leistung bringen. Wenig betrachtet wird, was Unternehmen tun, um sie zu fördern. Fordern ist leicht, das Bashing auch. Unternehmen, die Leistung fördern, ob durch Performancegespräche, klare Ziele oder Anreize, erreichen eine deutlich höhere Zustimmung zur Leistungskultur. Wer das Gefühl hat, er darf, der leistet auch.
Imke Mahner: Ich habe ein positives Menschenbild. Ich glaube daran, dass Menschen leisten wollen. Aber sie scheitern oft an strukturellen Bedingungen, und in Deutschland sind wir Weltmeister darin, Bedingungen zu schaffen, die es nicht leicht machen. Wenn jemand smart arbeitet und um fünf Uhr mit einem guten Ergebnis nach Hause geht, freue ich mich. Ob er um halb sechs noch am Platz sitzt, darüber muss ich nicht nachdenken. Im Report zeigt sich ein riesiger Unterschied: Die Mitarbeitenden sagen, wir wollen leisten. Die Führungskräfte sagen, die wollen alle nicht.
Von der Schönwetterführung zum Vertrauen
Imke Mahner: In guten Zeiten hatten wir diese Diskussion nicht. Die Zahlen stimmten, die Ziele wurden erreicht, und die Führung ist zum Teil weggerutscht, ein bisschen Schönwetterführung. Auf einmal stimmen die Ergebnisse nicht mehr, und viele gehen in eine Art Überführung: sehr eng an den Kennzahlen, immer mehr, immer schneller. Für Mitarbeitende ist das schwer. Vorher bekamen sie viel Vertrauen und Verantwortung, jetzt erleben sie Micromanagement und Misstrauen.
Imke Mahner: Dabei braucht es nichts Neues. Es ist Zuhören, situative Führung, sich gemeinsam hinsetzen und fragen: Warum sind die Zahlen nicht gut? Das ist ein bisschen abhandengekommen, und das müssen wir manchen Führungskräften wieder beibringen, statt in einen Gegenkontrollismus zu gehen.
Drei Tipps für Führungskräfte
Imke Mahner: Erstens, und das klingt weich, ist aber sehr wahr: Wir brauchen wieder Leichtigkeit in der Arbeitswelt, mehr Spaß, mehr Freude, auch in der Leistungsdebatte. Momentan reden wir viel über schlechte Leistung und viel zu wenig über gute. Anerkennung und Lob kosten nicht einmal etwas. Eine kurze E-Mail, du hast das super gemacht. Zweitens Klarheit: Was ist die Erwartung, was ist die Rolle, was hat Priorität? Nichts demotiviert mehr als eine unklare oder widersprüchliche Erwartung. Drittens Vertrauen. Ich hatte oft Führungskräfte, die mir vertraut haben. Das ist ein unfassbar gutes Gefühl und gibt einem den Freiraum und das Selbstbewusstsein, gute Arbeit zu machen.
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