Tiefgang · Folge 34
Hans van Ess über China, Pragmatismus und das, was wir voneinander lernen können
Prof. Hans van Ess · Präsident der Max Weber Stiftung
· 59 Min.
Der Spotify-Player lädt erst nach dem Klick. Erst dann überträgt der Browser Daten an Spotify.
Worum es geht
Hans van Ess wollte Chinesisch lernen, weil die Schriftzeichen so aussahen, als könne man sie niemals lernen. Er studierte Sinologie, Turkologie und Philosophie in Hamburg und zwei Jahre an der Fudan-Universität in Shanghai. Seit 1998 hat er den Lehrstuhl für Sinologie an der LMU München inne. Zum Zeitpunkt des Gesprächs war er Präsident der Max Weber Stiftung, des Verbunds der deutschen geisteswissenschaftlichen Institute im Ausland.
Er hat erlebt, wie sich China verändert hat. Mitte der Achtzigerjahre lebten in Shanghai fünf, sechs Menschen auf fünfzig Quadratmetern, über den großen Fluss fuhr man mit dem Boot. Als er im Jahr 2000 nach fünf Jahren Pause zurückkam, erkannte er die Stadt nicht wieder. Die Erklärung sieht er in zwei Kräften: ausländischem Kapital, das China gezielt ins Land holte, und einem Händlergeist, der auf der Welt seinesgleichen sucht.
Im Gespräch geht es um Wissenschaft als leise Diplomatie, um die enge Verflechtung deutscher und chinesischer Unternehmen, um Überwachung und Sozialkreditsystem und um die demografischen Risiken, die auf China zukommen. Und um die Frage, was Deutschland von China lernen kann: Flexibilität und Pragmatismus.
Sechs Gedanken aus dem Gespräch
Vertrauen wächst vor Ort
Institute mit langen Wurzeln im Gastland öffnen Zugänge, die Journalisten und Diplomaten selten haben. Diese gewachsenen Beziehungen wirken mehr als jede offensiv betriebene Wissenschaftsdiplomatie.
Woher der Aufstieg kam
China holte ausländisches Kapital ins Land und versprach einen Milliardenmarkt. Hinzu kam ein mittelständischer Händlergeist mit großer Lust an neuer Technik.
Enge Verflechtung, echte Abhängigkeit
Deutsche Unternehmen beliefern in China oft ihre eigenen Gemeinschaftsunternehmen. Der deutsche Wohlstand hängt stark am chinesischen Markt, und Deutschland steht zwischen den USA und China.
Zwei Gesichter jeder Entwicklung
Das Sozialkreditsystem stößt in China auf Zustimmung, weil es Betrug eindämmen soll. Zugleich ermöglicht es eine Überwachung, die aus europäischer Sicht nicht akzeptabel ist.
Demografie als größtes Risiko
Die billigen Arbeitskräfte, die den Aufschwung trugen, werden knapp. Wenn der Wohlstand nicht mehr für immer mehr Menschen wächst, gerät die Legitimation der Partei unter Druck.
Flexibilität und Pragmatismus
Deutsche halten sich gern an einmal eingeschlagene Pflöcke. In China muss man damit rechnen, dass morgen alles anders ist, und einen anderen Weg finden.
Ich glaube, dass wir von den Chinesen auch Pragmatismus lernen müssten.
Kapitel
- 00:00Begrüßung
- 00:51Wie die Schriftzeichen seine Neugier weckten
- 03:14Der erste China-Boom der Achtzigerjahre
- 04:58Was ein Sinologe tut und was die Max Weber Stiftung leistet
- 09:56Wissenschaft als leise Diplomatie
- 14:14China und die Pandemie
- 22:12Shanghai damals und heute
- 27:18Das Erfolgsrezept: ausländisches Kapital und Händlergeist
- 31:34Wer künftig die Hochtechnologie liefert
- 35:39Deutsch-chinesische Verflechtungen
- 37:15Sozialistische Marktwirtschaft: kein Widerspruch für China
- 40:22Ist Deutschland sozialistischer als China?
- 41:14Überwachung und Sozialkreditsystem
- 45:23Staatssicherheit und Hongkong
- 48:09Ausblick: Demografie als größtes Risiko
- 52:21Geschäfte mit China: Ähnlichkeiten und Unterschiede
- 56:37Was wir von China lernen können
Über den Gast
Prof. Dr. Hans van Ess ist Inhaber des Lehrstuhls für Sinologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er studierte Sinologie, Turkologie und Philosophie in Hamburg sowie zwei Jahre an der Fudan-Universität in Shanghai. Von 2015 an war er Präsident der Max Weber Stiftung, die die deutschen geisteswissenschaftlichen Institute im Ausland verbindet. Insgesamt hat er drei bis vier Jahre seines Lebens in China verbracht.
Das Gespräch zum Nachlesen
Ausgewählte Passagen
Sprachlich geglättete Auszüge. Es gilt das gesprochene Wort.
Wissenschaft als leise Diplomatie
Hans van Ess: Mit solchen Instituten kann man eine Art Wissenschaftsdiplomatie betreiben. In Frankreich oder Italien ist das vielleicht nicht mehr so wichtig. Aber in Moskau, in Istanbul oder in China ist es wichtig, Institutionen vor Ort zu haben, die keinen direkten wirtschaftlichen Zweck verfolgen und mit der intellektuellen Welt dieser Länder verbunden sind. Dort entstehen Freiräume, man tauscht sich aus und bekommt Einblicke, die Journalisten oft gar nicht haben, weil sie die Sprache nicht sprechen oder zu kurz da sind.
Hans van Ess: Das Auswärtige Amt redet viel von Science Diplomacy, davon, aktiv auf diese Länder zuzugehen und die eigene Agenda zu vertreten. Ich glaube nicht, dass es so funktioniert. Ich glaube an die gewachsenen Vertrauensverhältnisse vor Ort. Die tun sehr viel Gutes.
Shanghai damals und heute
Hans van Ess: Als ich als Student in Shanghai war, war China ein armes Land. Viele können sich das heute nicht mehr vorstellen, wenn sie sich wundern, warum die Bevölkerung ein Regime trägt, das hierzulande als eines der brutalsten gilt. Die Menschen lebten auf engstem Raum, zu fünft, sechst, siebt auf fünfzig Quadratmetern. Über die großen Flüsse fuhr man mit dem Boot. Ich war als Stipendiat des DAAD steinreich, und die Menschen wollten dahin, wo Leute wie ich waren.
Hans van Ess: Von 1995 bis 2000 war ich nicht mehr in Shanghai. Als ich zurückkam, war das ein Schock. Plötzlich gab es drei Brücken über den Fluss. Wo heute das Finanzzentrum mit den Hochhäusern steht, waren vorher kleine Fischerdörfer. Ich habe auf den ersten Blick nichts wiedererkannt. Ein Unterschied wie Tag und Nacht.
Woher der Aufstieg kam
Hans van Ess: Ein ganz wichtiger Punkt war die Strategie, ausländisches Kapital ins Land zu holen. Das wird oft unterschätzt, auch von den Chinesen selbst, weil sie zu Recht stolz auf ihre eigene Leistung sind. Sie haben den ausländischen Unternehmen gesagt: Wir sind ein Milliardenmarkt, kommt zu uns, hier gibt es viel Geld zu verdienen. Der zweite Punkt ist der chinesische Mittelstand. Da ist ein Händlergeist vorhanden, der auf der Welt seinesgleichen sucht, dazu eine große Lust an technischen Neuerungen. Die Kombination aus beidem erklärt für mich das Wirtschaftswunder.
Ist Deutschland sozialistischer als China?
Hans van Ess: 1994 wurde der Begriff der sozialistischen Marktwirtschaft in die chinesische Verfassung aufgenommen. Ich arbeitete damals in einem Wirtschaftsverband in Hamburg, und die deutschen Unternehmer schüttelten alle den Kopf: Sozialistisch und Marktwirtschaft, das sei ein Widerspruch in sich. Für die Chinesen war das überhaupt kein Problem. Umgekehrt sagen mir viele chinesische Kollegen: Ihr in Deutschland seid viel sozialistischer als wir. Bei euch gibt es lauter Regeln, die man bei uns als besten Sozialismus bezeichnen würde.
Was wir lernen können
Hans van Ess: Was ein Deutscher lernen muss, der nach China geht, ist Flexibilität. Als Deutscher hält man sich gern an ein paar feste Grundsätze. In China muss man immer damit rechnen, dass einer der Pflöcke, die man eingeschlagen hat, plötzlich nicht mehr da ist und man einen anderen Weg gehen muss.
Hans van Ess: Und ich glaube, wir müssten von den Chinesen auch Pragmatismus wieder lernen. Man denkt, China sei ein ideologischer Staat, und das stimmt auch. Aber wir Deutschen jagen oft Träumen nach und glauben, die Welt an Stellen verbessern zu können, wo das gar nicht in unserer Macht liegt. Man sollte sich Ziele stecken, denn es gibt viel zu verbessern. Aber man sollte die eigenen idealistischen Vorstellungen ein wenig zurückfahren und schauen, wie es die anderen machen.
Weitere Folgen zum Thema
-
74
Vom Diplomatenkind zum VernetzungsprofiCarsten Sudhoff · Autor von „No One Wins Alone“
-
73
Was ist schon normal? Über Sinn, Stolz und SelbstbestimmungSamuel Wunsch und Dr. Jan Wiedemann · Weihnachtsfolge zu gelebter Inklusion
-
70
Über Mut, gute Geschichten und den Erfolg von Donald TrumpGabriele Fischer · Gründerin und Chefredakteurin von brand eins
-
65
Macht braucht Moral: Leadership demokratisch gedachtProf. Dr. Lisa Herzog · Philosophin