Direkt zum Inhalt
Sebastian MorgnerFühren mit Sinn & Struktur
James Law im Podcast Tiefgang

Tiefgang · Folge 14

James Law über gesundes Wachstum, Design mit Haltung und den Weg zurück nach vorn

James Law · CEO Cybertecture

· 50 Min.

Der Spotify-Player lädt erst nach dem Klick. Erst dann überträgt der Browser Daten an Spotify.

Auf Spotify hören Apple Podcasts

Worum es geht

James Law wuchs in Hongkong auf und wollte als Junge, inspiriert von Star Wars, Architekt werden, am liebsten für Häuser, die fliegen können. Mit seiner Firma Cybertecture verbindet er Stadtplanung, Architektur und Digitalisierung. Bekannt wurde er mit den OPod-Häusern: Mikrowohnungen in Betonröhren, die in Megastädten bezahlbaren Wohnraum schaffen.

Seine prägende Lektion kam in der Finanzkrise 2008/09. Damals beschäftigte er rund hundert Menschen in drei, vier Ländern, vor allem im Nahen Osten. Große Projekte wurden gestoppt, und er musste sein Team binnen eines Jahres fast halbieren. Seitdem führt er sein Unternehmen vorsichtig: Rücklagen bilden, nicht über die eigenen Fähigkeiten hinaus wachsen, ehrlich fragen, welche Größe man wirklich führen kann.

Im Gespräch geht es um Erfolg jenseits ständigen Wachstums, um Architektur mit sozialem Zweck, um Städte, die zu dicht werden, und um Design als Wertesystem: weniger Auswahl, weniger Verschwendung, mehr Maß. Und um die Haltung, die Law seinen Studierenden mitgibt: bescheiden und dankbar zu bleiben.

Sechs Gedanken aus dem Gespräch

  1. Das eigene ehrliche Maß finden

    Kann ich tausend Menschen führen, hundert oder fünfzig? Wer innerhalb seiner echten Stärken bleibt, schafft Zusammenhalt und übersteht Krisen.

  2. Rücklagen statt Hebel

    Boomzeiten sind Glück, kein Normalzustand. Reserven schützen Arbeitsplätze, Kunden und das eigene Gleichgewicht.

  3. Erfolg neu definieren

    Erfolgreich ist ein Unternehmen, das wenig Sorgen macht und einen Zweck hat, nicht eines, das stark verschuldet immer weiter wächst.

  4. Architektur mit sozialem Auftrag

    Bezahlbarer, sicherer und gesunder Wohnraum gibt der Arbeit von Architekten einen Sinn, der über Rendite hinausgeht.

  5. Design als Wertesystem

    Eine Dusche, die ein Fünftel des Wassers braucht und sich doppelt so großzügig anfühlt: Gutes Design weckt Menschen für das Wesentliche, statt Ego und Überfluss zu bedienen.

  6. Bescheiden und dankbar

    Auch in schweren Zeiten bleibt Hoffnung. Wer nicht aus Anspruchsdenken lebt, sondern dankbar ist, entdeckt in jedem neuen Tag eine Chance.

Manchmal liegt der klügste Fortschritt nicht darin, vorwärtszugehen, sondern zurück.

James Law über Bescheidenheit in Planung und Führung

Kapitel

  1. 00:00Begrüßung: von Star Wars zur Cybertecture
  2. 04:16Unternehmertum zwischen Ambition und Vorsicht
  3. 09:33Die Lehre aus der Finanzkrise 2008/09
  4. 13:10Das eigene ökologische System finden
  5. 18:18Purpose und bezahlbares Wohnen
  6. 22:57Städte, Dichte und die Grenzen der Urbanisierung
  7. 30:03Eine Vision: einfacher leben
  8. 33:40Was er in München gelernt hat
  9. 36:42Design als Werkzeug für Werte: das Beispiel IKEA
  10. 39:20Weniger tun, mehr erreichen
  11. 47:50Ein Rat an junge Menschen: bescheiden und dankbar

Über den Gast

James Law ist Architekt, Gründer und CEO von Cybertecture in Hongkong. Seine Arbeit verbindet Architektur, Stadtplanung und digitale Technologie. Bekannt wurde er mit den OPod-Häusern, Mikrowohnungen in Betonröhren, die in dicht besiedelten Städten bezahlbaren Wohnraum schaffen. Er leitet eine Akademie für angehende Architektinnen und Architekten.

Das Gespräch zum Nachlesen

Ausgewählte Passagen

Aus dem Englischen übertragen und sprachlich geglättet. Es gilt das gesprochene Wort.

Die Lehre aus der Finanzkrise

Sebastian Morgner: Gab es einen Moment, der Ihnen diese Lektion beigebracht hat, das eigene Wachstum zu begrenzen?

James Law: Ja, eine sehr harte Zeit in der Rezession 2008/09. Ich hatte damals etwa hundert Mitarbeitende in drei, vier Ländern, vor allem im Nahen Osten. Wir hatten große Projekte, und plötzlich wurden sie gestoppt oder abgesagt. Ich musste viele Menschen gehen lassen, weil ich ihre Stellen nicht mehr halten konnte. Da habe ich verstanden, wie viel persönliches Investment auf beiden Seiten in einem Arbeitsverhältnis steckt. Jemanden einzustellen ist leicht. Jemanden gehen zu lassen ist sehr schwer. Innerhalb eines Jahres habe ich fast halbiert.

James Law: Es hat Jahre gedauert, bis der Optimismus zurückkam. Dann fand ich eine Art Gleichgewicht. Man muss sich sehr ehrlich fragen: Kann ich eine Organisation mit tausend Menschen führen? Mit hundert? Oder fühle ich mich mit fünfzig wohl und spiele meine echten Stärken aus? Heute sind wir fast wie eine Familie. Was wir als kleineres, geschlossenes Team erreichen, ist viel stärker als damals mit hundert Leuten.

Architektur mit Zweck

James Law: Geld nur um des Geldes willen zu verdienen, ist heute ein sehr enger und riskanter Weg. Ein Zweck gibt einem eine andere Sprache, mit der man mit der Welt kommunizieren kann. Im bezahlbaren Wohnungsbau wächst ein riesiger Markt. Statt Wolkenkratzer und Luxuswohnungen zu entwerfen, finden Architekten dort mehr Möglichkeiten. Menschen gesunde und sichere Orte zum Leben zu geben, ist ein Zweck, der die Arbeit wert ist. Viele sehen Architekten als rein kommerziell getrieben. Dabei hängen unsere Fähigkeiten eng mit dem sozialen Beitrag zusammen, den wir leisten können.

Der Weg zurück nach vorn

James Law: Ich halte die Urbanisierung, die wir als Teil der Globalisierung gefeiert haben, für sehr einseitig gedacht. In der Natur sieht man: Wird ein Ökosystem zu dicht, zu überbevölkert, zu heiß, passieren Katastrophen. Ich sage etwas Umstrittenes, aber ich glaube, dass inzwischen zu viele Menschen auf diesem Planeten leben, und bis zum Ende des Jahrzehnts werden mehr als zwei Drittel davon in Städten wohnen. Können wir uns klug organisieren, statt alle Kraft in die Städte zu lenken, und ein Land oder einen Kontinent stärker als Netzwerk denken?

James Law: Wenn ich eine Philosophie gelernt habe, dann diese: Manchmal liegt der klügste Fortschritt nicht darin, vorwärtszugehen, sondern zurück. Nicht jedes Problem muss man lösen. Es geht darum, demütig auf die Wirklichkeit um uns zu schauen und die Opfer zu bringen, die wir brauchen, um gesund zu bleiben. Gebäude mit fünfhundert Stockwerken lösen das Dichteproblem nicht.

Design als Wertesystem

James Law: Als ich in München war, habe ich drei Dinge gelernt. Erstens: Obwohl Deutschland das Land von Mercedes, BMW und Audi ist, fahren die meisten Menschen ein gutes, aber kein protziges Auto. Zweitens: Die Kleidung ist hochwertig, aber nicht extravagant. Drittens, und das war das Wichtigste: Am Ende einer Mahlzeit hat jeder seinen Teller leer gegessen. Niemand lässt Essen zurück. Das ist Design, ein gut gestalteter Wert.

James Law: Warum entwerfen wir eine Dusche mit zwölf Düsen, die Wasser in alle Richtungen schießt? Verschwendung. Kann man eine Dusche entwerfen, die ein Fünftel des Wassers braucht und sich anfühlt, als hätte man doppelt so viel? Das ist Design. Diese Vision will ich verwirklichen: mit den richtigen Technologien einen nachhaltigen Wert schaffen, der Menschen für das Wesentliche weckt, und all die Spielereien und das Ego weglassen, die nur den Preis treiben und Ressourcen verbrauchen.

James Law: Unser größtes und längstes Projekt sind wir selbst. Wir als Unternehmen sind ein Projekt.

Bescheiden und dankbar

James Law: Ich sage mir selbst, meinem Umfeld und den Studierenden meiner Akademie: Bleibt bescheiden und dankbar. Wie schlecht die Lage auch ist, in jeder Schwierigkeit gibt es Hoffnung. Diese Hoffnung darf nicht aus einem Anspruchsdenken kommen, nach dem alles immer gut sein muss. Man muss die Wahrheit akzeptieren, dass manches nicht gut ist. Wer aber bescheiden und dankbar ist und weiß, dass es ein Geschenk ist, am Leben zu sein, für den kann morgen ein wunderbarer Tag werden, ein Tag mit einer neuen Richtung, einer neuen Einsicht.

Weitere Folgen zum Thema

  1. 74
    Vom Diplomatenkind zum Vernetzungsprofi

    Carsten Sudhoff · Autor von „No One Wins Alone“

    · 1 Std.

  2. 73
    Was ist schon normal? Über Sinn, Stolz und Selbstbestimmung

    Samuel Wunsch und Dr. Jan Wiedemann · Weihnachtsfolge zu gelebter Inklusion

    · 1 Std. 2 Min.

  3. 70
    Über Mut, gute Geschichten und den Erfolg von Donald Trump

    Gabriele Fischer · Gründerin und Chefredakteurin von brand eins

    · 1 Std. 5 Min.★ HörempfehlungLesefassung

  4. 65
    Macht braucht Moral: Leadership demokratisch gedacht

    Prof. Dr. Lisa Herzog · Philosophin

    · 55 Min.

Alle Folgen von Tiefgang