Ende Oktober 2011 stieg ich am Münchner Hauptbahnhof in den Regionalexpress Richtung Salzburg. Eine Stunde durch die oberbayerische Hügellandschaft, in Prien aussteigen, zwanzig Minuten mit dem Rollkoffer bis zum Anlegesteg. Ich war einer von drei Passagieren an Bord der MS Berta. Im glatten Chiemsee spiegelte sich das Bergpanorama, Möwen begleiteten das Schiff, und im Osten tauchte der Turm des Klosters Frauenwörth auf.
Ich hatte ein halbes Jahr zuvor eine fünfzehnjährige Karriere in der Finanzindustrie beendet. Nicht, weil ich einen Plan hatte, sondern weil ich keinen Sinn mehr sah. Ich wollte nicht Sklave hoher Bezüge und einer sicheren Altersvorsorge sein. Was danach kommen sollte, wusste ich nicht. Ich brauchte Ruhe, um es herauszufinden, und war auf die Idee gekommen, weil ich gelesen hatte, dass Florian Henckel von Donnersmarck ins Kloster geht, wenn er nicht weiterweiß.
Als männlicher Protestant im katholischen Frauenkloster: geht das? Bei der Anmeldung fragte niemand nach meiner Konfession. Fünfzig Euro Vollpension. Wer vormittags mitarbeitet, wohnt umsonst.
Wenn ich früher in Gasthöfen ein Kruzifix an der Wand fand, nahm ich es vorsichtig ab. Ich fühlte mich beobachtet und nicht wohl in Gegenwart eines Toten. Hier hing eines im Zimmer, und ich ließ es hängen. Hier ist er der Hausherr, dachte ich. Hier gehört er hin.
Am zweiten Morgen ging ich zur Laudes. Dreißig Frauen in schwarzen Kutten im Chorgestühl, gregorianischer Gesang, ein lateinischer Text, von dem ich kein Wort verstand. In den Wochen davor hatte ich viel Streit mit meiner Frau gehabt. Seit der Kündigung war die Lage angespannt, und ich hatte Celia unterstellt, sie wolle nichts ändern. Während die Schwestern sangen, sah ich plötzlich ihre Augen vor mir. Ich erkannte den Glanz darin und begriff, was für ein Geschenk sie in meinem Leben ist. Es hat mich umgeworfen. Ich bin bis heute nicht sicher, was in dieser Kapelle passiert ist, und ich habe aufgehört, es erklären zu wollen.
Der Satz, der mir am längsten geblieben ist, kam von einer der Schwestern. Ich hatte sie gefragt, wie sie es aushält: kein Besitz, jeder Tag im selben Rhythmus, für eine Reise aufs Festland die Zustimmung der Äbtissin. Sie sagte, sie sei ein Glied in einer unendlich langen Kette. Seit über tausend Jahren werde hier viermal täglich gebetet. Jetzt sitze sie für ein paar Jahrzehnte auf einem Stuhl, wie viele vor ihr und viele nach ihr.
Ich habe diesen Satz seither oft gebraucht, ohne ihn je zu zitieren. Er beschreibt die genaue Gegenbewegung zu dem, was ich aus der Bank kannte: die Vorstellung, dass alles an meiner Person hängt. Der Druck, unersetzlich zu sein, sieht aus wie Verantwortung. Er ist aber meistens das Gegenteil: ein Mangel an Zusammenhang. Wer in einer Kette steht, kann seinen Abschnitt ernst nehmen, ohne die ganze Kette tragen zu müssen.
Das Wort dafür ist Demut, und ich zögere, es zu benutzen. In der Wirtschaft klingt es nach Kleinmachen, nach Verzicht auf Anspruch, nach einer Tugend für Menschen ohne Ehrgeiz. Gemeint ist etwas anderes. Demut ist eine Einschätzung der eigenen Größe, die stimmt. Wer sie hat, muss sich weder größer noch kleiner machen, als er ist, und beides spart erstaunlich viel Kraft.
Der Einwand dagegen ist berechtigt: Es gibt eine falsche Demut, die nichts anderes ist als Rückzug. Wer sagt, er sei ja nur ein Glied in einer Kette, kann damit auch begründen, warum er nichts entscheidet. Die Schwester tat das Gegenteil. Sie saß jeden Tag viermal auf ihrem Stuhl. Ihre Einordnung nahm ihr nicht die Aufgabe ab. Sie nahm ihr nur die Last, die ganze Aufgabe zu sein.
Ein Detail habe ich mir gemerkt, weil es zu allem anderen nicht passt und deshalb dazugehört. Im Jahr zuvor, erzählte mir eine Schwester mit leuchtenden Augen, war am Weihnachtsmorgen die Krippe enthüllt worden. Im Stroh lag nicht das Christkind. Dort hatte es sich der dicke Klosterkater bequem gemacht, zwischen Josef und Maria.
Am Tag vor Heiligabend fuhr ich zurück. Ich hatte keinen Plan, keine Berufung und keine Antwort. Ich hatte nur aufgehört, sie zu erwarten.
Zufriedener hat mich das gemacht, und zwar nicht, weil ich seither weniger wollte. Sondern weil weniger davon abhängt, dass ich es bin, der es tut.