Es gibt einen Satz, den ich in fünfzehn Jahren Bank oft gesagt habe, meistens zu mir selbst: Wenn das hier durch ist, dann.
Wenn die Integration abgeschlossen ist. Wenn der Bereich steht. Wenn die Kinder aus dem Gröbsten raus sind. Wenn ich finanziell so weit bin, dass ich es mir leisten kann, dann nehme ich mir die Zeit für das, was mir eigentlich wichtig ist.
Ich habe lange geglaubt, das sei Vernunft. Man wartet, bis die Bedingungen stimmen. Was soll daran falsch sein.
Interessant ist der Mechanismus dahinter. Denn kaum jemand entscheidet sich bewusst gegen das eigene Leben. Man verschiebt es nur. Und zwar mit einer Begründung, die sich vernünftig anfühlt: Jetzt ist nicht der richtige Moment.
Das Tückische an diesem Satz ist, dass er stimmt. Es ist tatsächlich nie der richtige Moment. Wer wartet, bis die Karriere sicher ist, stellt fest, dass dann die Eltern pflegebedürftig werden. Wer wartet, bis das Unternehmen stabil läuft, findet den nächsten Grund im Marktumfeld. Der richtige Moment ist keine Zeitangabe. Er ist eine Konstruktion, mit der wir uns eine Entscheidung ersparen, vor der wir Angst haben.
Es fehlt also meistens nicht der Moment. Es fehlt der Mut.
Es gibt dazu eine Aufzeichnung, die ich nicht vergesse. Die australische Pflegerin Bronnie Ware hat jahrelang Sterbende begleitet und notiert, was diese Menschen am Ende bereuen. Ganz oben steht nicht, zu wenig erreicht zu haben. Ganz oben steht der Wunsch, ein Leben nach eigenen Maßstäben geführt zu haben statt nach den Erwartungen anderer. Es ist keine Liste über Fehler. Es ist eine Liste über Aufschub.
Der Einwand dagegen ist berechtigt, und ich will ihn nicht übergehen: Es gibt echtes Abwarten. Manchmal ist eine Entscheidung wirklich noch nicht reif, weil eine Information fehlt, die man beschaffen kann, oder weil ein Termin bevorsteht, der etwas klärt. Der Unterschied lässt sich prüfen, und die Prüfung dauert eine Minute. Wer sinnvoll wartet, kann sagen, worauf er wartet und woran er merken wird, dass es so weit ist. Wer aus Mangel an Mut wartet, kann das nicht. Er kann nur begründen, warum jetzt nicht.
Ich erkenne das bei mir an einer bestimmten Zahl: Ab der dritten Runde über dasselbe Detail geht es nicht mehr um Sorgfalt. Dann ist es Vermeidung mit gutem Ruf.
Bei meinen Klienten sieht dasselbe Muster anders aus, aber es ist dasselbe. Es ist immer eine Entscheidung, die seit Monaten ansteht. Die Trennung von einem Geschäftsführer, der nicht mehr trägt. Das Gespräch mit dem Mitgründer, das seit zwei Jahren fällig ist. Der Ausstieg aus einem Geschäftsfeld, das alle für tot halten und niemand beerdigt. Nach außen wird das mit Sorgfalt begründet, mit fehlenden Daten, mit dem falschen Zeitpunkt im Zyklus. Nach innen wissen alle Bescheid.
Und während man wartet, arbeitet die Sache weiter. Die guten Leute im Bereich merken es zuerst. Sie ziehen keine Konsequenzen, sie ziehen sich zurück. Eine aufgeschobene Entscheidung kostet nie nur Zeit. Sie kostet Energie bei allen, die die Entscheidung längst getroffen haben und darauf warten, dass jemand es ausspricht.
Ich habe 2011 gekündigt, ohne zu wissen, was danach kommt. Das war nicht mutig, es war überfällig. Der Unterschied zwischen den beiden Wörtern ist ungefähr ein Jahr.
Mut ist nämlich nicht die Fähigkeit, im richtigen Moment zu handeln. Mut ist die Bereitschaft, im falschen zu handeln, weil es keinen richtigen gibt.