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Selbstführung

Was Resilienz nicht ist

Resilienz ist nicht Härte. Sie ist die Bereitschaft, den Preis zu kennen.

Vor einigen Jahren fragte mich eine Bewerberin, was für mich einen seelisch stabilen Menschen ausmacht. Ich fand die Frage gut und schrieb ihr in den Tagen darauf sieben Eigenschaften auf. Heute würde ich ihr eine schreiben.

Resilienz wird meistens als Härte verstanden. Widerstandskraft, Panzerung, das Bild vom Baum, der sich im Sturm biegt und nicht bricht. Ein zäher Mensch also, der mehr aushält als andere.

Was ich in zwanzig Jahren Arbeit mit Führungskräften beobachtet habe, ist etwas anderes. Die Stabilsten sind nicht die, die am meisten aushalten. Es sind die, die wissen, was sie bezahlen.

Jeder von uns hat Bedürfnisse, die einander widersprechen. Man möchte etwas aufbauen und abends zu Hause sein. Man möchte gesehen werden und in Ruhe gelassen werden. Man möchte sicher sein und etwas riskieren. Diese Widersprüche sind nicht auflösbar, und das ist keine tragische Nachricht, sondern eine banale: Alles im Leben hat einen Preis. Wer sich für mehr Zeit mit den Kindern entscheidet, zahlt mit Karrierechancen. Wer sich ganz auf die Karriere konzentriert, zahlt mit dem Privatleben.

Instabil wird nicht, wer viel bezahlt. Instabil wird, wer glaubt, er komme um die Rechnung herum. Der Manager, der behauptet, es gebe zwischen seiner Siebzigstundenwoche und seiner Ehe keinen Zusammenhang, ist nicht resilient. Er hat nur die Rechnung noch nicht geöffnet.

Man kann dagegenhalten, dass Menschen unterschiedlich viel aushalten, und das stimmt. Es gibt Konstitution, es gibt Glück, es gibt Menschen, die früh gelernt haben, dass sie getragen werden. Nur ändert das nichts an der Rechnung, sondern nur an dem Betrag, den jemand verkraftet. Härte verschiebt die Grenze. Die Ehrlichkeit über den Preis verschiebt, was innerhalb dieser Grenze möglich ist.

Denn unterdrückte Bedürfnisse verschwinden nicht. Sie ziehen um. Sie tauchen als Gereiztheit wieder auf, als Rückenschmerz, als eine seltsame Wut über Kleinigkeiten, als ein Projekt, das man mit einer Energie verfolgt, die zum Anlass nicht passt. Wer seine Zielkonflikte nicht kennt, wird von ihnen regiert, ohne es zu merken.

Ich habe das selbst gelernt, und nicht auf die angenehme Art. Der Weg zur Selbsterkenntnis ist keine Wellness-Reise. Man geht ihn meistens, weil etwas nicht mehr funktioniert.

Was bleibt, ist eine unspektakuläre Definition. Resilient ist nicht, wer viel trägt. Resilient ist, wer weiß, was ihn das Tragen kostet, und es dann trägt oder ablegt.

Ich freue mich über eine Reaktion. Widerspruch ausdrücklich erlaubt. s.morgner@leadership-munich.org
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