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Selbstführung

Meine Schwester und das Bügelbrett

Auch eintönige Tätigkeiten können erfüllend sein, wenn man in ihnen anwesend ist.

Meine ältere Schwester hat das Bügeln gehasst. Sie hat es getan, wie man unangenehme Dinge tut: schnell, mit halber Aufmerksamkeit, mit dem Kopf schon beim Nächsten.

Dann bemerkte sie eines Tages, dass eine Stunde vergangen war, von der sie nichts mitbekommen hatte. Keine Gedanken an den Streit vom Vortag, keine Liste im Kopf. Nur Stoff, Dampf und eine Falte, die entweder gerade wird oder nicht. Seitdem bügelt sie gern. Es hat sich nichts an der Tätigkeit geändert, nur an ihrer Anwesenheit darin.

Wir nennen so etwas heute Flow. Meine Schwester hätte das Wort nicht benutzt. Sie hat nur gemerkt, dass beim Bügeln endlich Ruhe war.

Die Forschung dazu ist in einem Punkt verblüffend eindeutig: Wie lebendig sich jemand fühlt, hängt kaum davon ab, was er tut. Ein Fließbandarbeiter kann zufriedener sein als ein Vorstand. Entscheidend ist, ob jemand in dem ist, was er gerade macht.

Damit ist etwas gesagt, das der Intuition widerspricht: Auch eintönige Tätigkeiten können erfüllend sein. Nicht obwohl sie eintönig sind, sondern weil Gleichförmigkeit dem Kopf wenig zu tun gibt und ihn dadurch zur Ruhe kommen lässt.

Ich denke daran oft, wenn ich in Sitzungen sitze.

Da sind acht Menschen im Raum, und drei davon sind gedanklich schon im nächsten Termin. Sie halten das für Effizienz. Tatsächlich ist es das Gegenteil: Wer eine Aufgabe hinter sich bringen will, macht Fehler in ihr. Die E-Mail, die zu schnell rausgeht. Die Rückfrage, die man sich spart. Der Halbsatz, den man nicht gehört hat und der drei Wochen später als Missverständnis zurückkommt. Der Terminkalender ist voll, aber die Arbeit wird nicht fertig, weil sie nie ganz getan wurde.

Und dann gibt es die andere Sorte Sitzung. Alle sind da. Man hört einander zu Ende zu. Nach neunzig Minuten steht ein Ergebnis, für das man sonst drei Termine gebraucht hätte. Wer das einmal erlebt hat, hört auf zu glauben, das Problem sei die Menge der Arbeit.

Die Zen-Tradition hat dafür seit Jahrhunderten eine Übung, und es ist keine spirituelle: Geschirr spülen, den Hof kehren, atmen. Immer dieselbe schlichte Tätigkeit, ganz und gar. Der deutsche Zenlehrer Karlfried Graf Dürckheim hat ein ganzes Buch darüber geschrieben, und der Titel sagt bereits alles: Der Alltag als Übung.

Was mich daran überzeugt, ist die Unspektakulärität. Man braucht kein Retreat und keine App. Man braucht eine Tätigkeit, die man ohnehin jeden Tag tut, und die Bereitschaft, sie nicht loswerden zu wollen.

Der Einwand liegt auf der Hand und ist ernst zu nehmen: Nicht jede Eintönigkeit lässt sich so retten. Wer seine Tage mit etwas verbringt, das er für sinnlos hält, wird durch Anwesenheit nicht zufrieden, sondern nur genauer im Bemerken. Aufmerksamkeit ist kein Ersatz für eine Entscheidung. Sie hilft bei dem, was ohnehin getan werden muss, und sie hilft nicht dabei, das Falsche zu ertragen.

Bei mir ist es das Schreiben am frühen Morgen, vor allem anderen. Bei meiner Schwester ist es das Bügelbrett. Sie sagt, die besten Einfälle kommen ihr dort.

Es geht also nicht darum, Eintönigkeit schönzureden. Es geht darum, dass sie kein Urteil über die Tätigkeit ist, sondern über die Abwesenheit in ihr.

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