In vertraulichen Gesprächen sagen Geschäftsführerinnen und Vorstände mir regelmäßig denselben Satz. Er kommt spät, meistens nach einer Pause, und er klingt ungefähr so: Manchmal denke ich, ich bin gar nicht gut genug für diese Rolle.
Ich habe das inzwischen so oft gehört, dass ich es nicht mehr für ein Symptom halte. Es ist die Regel.
Und die Menschen, die es sagen, wissen das nicht voneinander. Jeder von ihnen hält seinen Satz für einen persönlichen Befund. Für den Beweis, dass mit ihm etwas nicht stimmt, während die anderen im Gremium offenbar keine solchen Gedanken haben.
Sie haben sie. Sie sagen sie nur nicht.
Der Grund ist eine Asymmetrie, die niemandem auffällt, weil sie so vollständig ist. Von uns selbst kennen wir jeden Gedanken. Von allen anderen kennen wir nur das Verhalten. Wir vergleichen unser Rohmaterial mit dem Endprodukt der anderen, und bei diesem Vergleich kann man nur verlieren.
Der chinesische Ausdruck für das, was da im Kopf abläuft, gefällt mir: der Verstand als plappernder Affe. Ich stelle ihn mir eher als überforderten Sportkommentator vor, der pausenlos alles kommentiert, was im Blickfeld auftaucht. Der sieht heute schlecht aus. Was soll denn das schon wieder. Warum regnet es, es war doch Sonne angesagt.
Dieses Organ hat seine Aufgabe nie gewechselt. Es ist nicht dafür gebaut, Tabellen zu prüfen, sondern dafür, uns am Leben zu halten, und es tut das, indem es Gefahren sucht. Deshalb ist unter den Gedanken, die uns etwas fühlen lassen, der überwiegende Teil warnend und misstrauisch. Das ist kein Defekt. Das ist die Bauart.
Wir bekommen diesen ungefilterten Rohstrom den ganzen Tag, inklusive der Sätze, die wir niemandem erzählen würden. Von allen anderen sehen wir nur, was einen Filter überstanden hat und für zeigbar befunden wurde. Das ist der Grund, warum ein Vorstand in einer Sitzung sitzt und denkt, alle anderen hätten diese Sicherheit, die ihm fehlt. Sie haben sie nicht. Sie haben denselben Kommentator, nur hört er ihn nicht.
Ein Einwand bleibt, und er ist wichtig: Nicht jeder unangenehme Gedanke ist Lärm. Manchmal hat der Kommentator recht. Man ist tatsächlich nicht vorbereitet, man hat tatsächlich etwas falsch gemacht, die Rolle passt tatsächlich nicht. Der Unterschied ist prüfbar. Ein nützlicher Gedanke benennt etwas Konkretes und lässt sich in eine Handlung übersetzen. Ein unnützer sagt nur, was für ein Mensch man angeblich ist. Über den ersten sollte man nachdenken. Der zweite gehört in den Mülleimer.
Wer das einmal begriffen hat, macht eine Erfahrung, die schwer zu beschreiben ist. Der Kommentator verstummt nicht. Aber er wandert von der Mitte an den Rand. Man hört ihn noch, und man ist nicht mehr er.
Das ist der eigentliche Punkt: Wir sind nicht unsere Gedanken. Wir sind derjenige, der sie bemerkt. Zwischen einem Gedanken und der Person, die ihn hat, ist ein Abstand, und dieser Abstand ist der ganze Handlungsspielraum, den es gibt.
Zum Sortieren braucht man dann allerdings etwas, das ich nicht überspringen kann. Wer entscheiden will, welcher Gedanke ihn weiterbringt und welcher nur Lärm ist, braucht ein Maß dafür. Er muss wissen, was ihm wichtig ist und wer er sein will: eine Vorstellung vom eigenen besten Selbst, so konkret, dass sie im Zweifelsfall etwas entscheidet. Wer die hat, kann alles, was darauf nicht einzahlt, in den mentalen Mülleimer werfen und weiterarbeiten. Wer sie nicht hat, kann nur zuhören.
Ich habe das mit mir selbst nie ganz erledigt. Ich weiß seit Langem, dass ich wertvoll bin und dass in mir viel angelegt ist. Das ist keine Leistung, das ist ein Grundgefühl, und ich bin dankbar dafür. Der Kommentator wird davon nicht leiser. Er sagt weiter, was er zu sagen hat. Nur muss ich es nicht mehr glauben.
Falls Sie also gelegentlich denken, Sie seien nicht gut genug für Ihre Rolle: Sie sind in genau der Gesellschaft, die Sie beeindruckend finden. Die anderen sagen es Ihnen nur nicht.
Der Vergleich, der uns fertigmacht, ist von vornherein schief. Auf der einen Seite steht alles, was wir denken. Auf der anderen nur das, was jemand für zeigbar gehalten hat.