Freitagabend, kurz vor sechs. Ich klopfe an die Zimmertür meiner Tochter, und von drinnen kommt ein „Herein!“. Der Termin steht im Kalender wie jeder andere auch. Er dauert eine Stunde. Meine Aufgabe darin ist einfach: zuhören.
Mara hat das Downsyndrom, und sie beschäftigt sich mit einer Frage, die sie nicht loslässt. Sie will wissen, wer gut ist und wer böse. Sie sieht Märchen und Serien und ordnet jede Figur ein. Sie wiederholt Sätze, die jemand gesagt hat, spricht sie sich noch einmal vor und wartet, wie sie sich anfühlen. Gut, böse oder das Dritte.
Denn sie hat drei Kategorien, nicht zwei.
Gute Menschen machen alles richtig. Sie sind Helden des Alltags, sie sind nett, sie retten die Welt. Böse Menschen sind böse Zauberer und Hexen und alle, die gern und mit Absicht böse sind. Die sind einfach so geboren und können gar nicht anders.
Und dann gibt es die Zicken-Menschen. Das sind eigentlich gute Menschen, die von anderen enttäuscht wurden oder mit sich selbst hadern. Deshalb verhalten sie sich unfair und tun gemeine Dinge, die sie später bereuen. Zicken-Menschen haben ihr Verhalten manchmal einfach nicht im Griff, erklärt sie mir. Aber irgendwann sehen sie ihre Fehler ein. Und dann sind sie zu tollen Taten fähig.
Ich weiß, wann diese dritte Kategorie entstanden ist. Sie hatte einen Wutanfall gehabt, einen richtigen, und danach kam sie zu mir und fragte: „Papa, ich bin doch nicht böse, oder? Ich bin doch nur zickig.“
Sie hat sich diese Kategorie nicht ausgedacht, um andere einzuordnen. Sie hat sie gebraucht, um sich selbst einordnen zu können, ohne bei den Hexen zu landen.
Seitdem denke ich anders über ihre drei Sorten Mensch. Zwei davon sind Schicksal. Man wird als guter Mensch geboren oder als böser, und daran ändert sich nichts. Nur die dritte Kategorie hat eine Geschichte: eine Enttäuschung, ein Hadern, ein Verhalten, das daraus folgt, eine Reue und die Möglichkeit, dass danach etwas Großes kommt. Von den drei Kategorien ist ausgerechnet die unangenehme die einzige, in der sich etwas bewegt.
In Unternehmen kenne ich fast nur die ersten beiden.
Der ist eben schwierig. Die blockiert, seit sie da ist. Mit dem kannst du nicht reden. Den haben wir aufgegeben. Das sind Sätze über das Wesen eines Menschen, und Sätze über das Wesen beenden jede weitere Arbeit. Es gibt nichts mehr zu tun, wenn jemand einfach so ist. Ich habe diese Sätze in Vorstandssitzungen gehört, in Personalgesprächen, in Führungskreisen, und ich habe sie selbst gesagt. Sie sind bequem. Sie kosten nichts und erklären alles.
Maras dritte Kategorie stellt eine andere Frage: Wodurch wurde dieser Mensch enttäuscht, und womit hadert er? Darauf kann man antworten. Meistens fällt die Antwort auf die Organisation zurück, und deshalb wird die Frage so selten gestellt.
Mich selbst hat sie in die gute Kategorie sortiert. Allerdings, sagt sie, sei ich früher auch mal ganz schön zickig gewesen. Das habe ich wohl überwunden.
Ich weiß nicht, ob ich das überwunden habe. Ich habe mich ein Jahr lang jede Woche von einem Vorstand warten lassen, ohne etwas zu sagen, weil ich gut dafür bezahlt wurde. Ich habe Menschen eingestellt, weil es mir schmeichelte, dass sie von mir lernen wollten, und mich später von ihnen getrennt. Nach ihrer Definition ist das ziemlich genau ein Zicken-Mensch: einer, der mit sich hadert und deshalb Dinge tut, die er hinterher bereut. Vermutlich ist das der Normalfall. Wir enttäuschen uns selbst und andere, und die Frage ist nicht, ob, sondern was danach kommt.
Ihre Einteilung ist mir aus einem anderen Grund lieber als die meisten Modelle, mit denen ich beruflich arbeite. Sie kennt keine unrettbaren Menschen außer denen, die es gern sind. Alle anderen, die sich schlecht verhalten, sind Leute, denen etwas passiert ist.
Der Einwand dagegen ist ernst. Es gibt Menschen, deren Verhalten so viel zerstört, dass die Frage nach der Ursache zur Ausrede wird, für die Organisation, die zusieht, und für den Betroffenen, der sich darin einrichtet. Eine Erklärung ist keine Erlaubnis. Ihre Kategorie sagt auch nicht, dass jeder sich ändert. Sie nennt eine Voraussetzung: Man muss den eigenen Anteil sehen.
Deshalb ist die dritte Kategorie keine Nachsicht, sondern eine Zumutung. Sie verlangt Ehrlichkeit über die eigene Enttäuschung. Wer die aufbringt, entwickelt sich weiter. Wer sie nicht aufbringt, bleibt, wo er ist, ganz gleich, wodurch er enttäuscht wurde.
Manchmal rege ich mich in ihrem Zimmer über etwas auf, über Termine, über eine Sache, die schiefgegangen ist. Dann schaut sie mich an und sagt: In deiner Welt ist das vielleicht ein Problem. In meiner nicht.
Um sieben ist die Stunde vorbei. Es gibt nichts zu klären, nichts zu entscheiden und nichts mitzunehmen. Am nächsten Freitag klopfe ich wieder an.