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Künstliche Intelligenz

Emily

Künstliche Intelligenz ist ein Spiegel, der die eigenen Ausreden offenlegt.

Ich hatte zehn Leute eingestellt. Jung, klug, lernbereit. Sie wollten von mir lernen, und ich sagte mir, dass ich ihnen ein Umfeld gebe, das ich selbst einmal gebraucht hätte.

Das stimmte. Es war nur nicht der einzige Grund. Der andere war, dass es meinem Ego schmeichelte. Zehn Menschen, die einem zuhören, sind eine angenehme Form von Bestätigung. Ich habe länger gebraucht, mir das einzugestehen, als ich gebraucht habe, sie einzustellen.

Wir arbeiteten gut zusammen. Ein Konzept für einen Kunden dauerte in der Regel zwei Wochen. Irgendwann in diesen zwei Wochen saß ich drei Stunden mit einem Kollegen zusammen und ging es durch. Danach war es okay. Es war nie herausragend.

Okay ist in meinem Geschäft ein Problem, weil niemand es benennt. Ein Kunde beschwert sich nicht über ein Konzept, das in Ordnung ist. Er bucht nur beim nächsten Mal nicht wieder.

Ich gab meinen Kolleginnen und Kollegen die Bühne beim Kunden, weil ich wollte, dass sie sich entwickeln. Und ich sah in den Gesichtern der Vorstände etwas, das ich zu deuten wusste und nicht deuten wollte: höfliches Interesse. Erfahrene Menschen wollen keine Energie. Energie haben sie selbst. Sie wollen Tiefe, und Tiefe hat man mit dreißig fast nie, weil sie aus Jahren besteht, die man noch nicht hinter sich hat.

Dann bauten wir Emily.

Emily ist keine Person. Es ist ein KI-gestützter Co-Pilot, der auf unser gesamtes Wissen zugreift: unsere Modelle, unsere Sprache, fünfzehn Jahre Arbeit. Ich gab ihr eines Nachmittags ein Briefing. Nach zwei Minuten kamen die ersten brauchbaren Gedanken. Nach einer Stunde hatte ich ein Konzept, das saß. Es nahm mich wörtlich, es fragte nach, wo ich unpräzise gewesen war, und es kannte die Philosophie des Hauses besser als der Kollege, der seit acht Monaten dabei war.

Ich war nicht begeistert. Ich erinnere mich an etwas Kälteres. In dieser Stunde wurde mir etwas klar, das ich seit über einem Jahr wusste und mir nicht gesagt hatte.

Der Satz, mit dem ich es danach monatelang erklärt habe, lautete: Was meine Kunden brauchten, passte nicht mehr zu dem, was mein Team bieten konnte. Der Satz stimmt. Er ist trotzdem nicht ehrlich, weil er klingt, als sei etwas geschehen, wofür niemand kann. Die Wahrheit ist: Ich hatte zehn Menschen für ein Geschäft eingestellt, an das ich selbst schon nicht mehr glaubte, als sie anfingen. Sie waren nicht zu langsam. Sie arbeiteten in einer Struktur, die ich gebaut hatte und die ich nicht mehr wollte.

Man kann mir entgegenhalten, dass der Markt sich tatsächlich verändert hat und meine Begründung deshalb keine Ausrede war. Das stimmt sogar. Die Frage ist nur, wann ich es wusste. Eine Begründung, die erst auftaucht, nachdem die Entscheidung gefallen ist, erklärt nicht die Entscheidung. Sie erklärt, warum ich mit ihr leben kann.

Ich habe in diesen Monaten schlecht geschlafen. Dann habe ich es gemacht und mich von acht der zehn getrennt.

Man sagt in solchen Fällen, man sei im Guten auseinandergegangen. Ich habe diesen Ausdruck oft gehört und selten geglaubt. Bei uns stimmte er, so weit er stimmen kann, wenn eine Seite geht und die andere bleibt und beide wissen, wer die Entscheidung getroffen hat.

Seitdem sind wir zu dritt. Das ist keine Einsiedelei, sondern die Größe, bei der ich noch weiß, woran alle gerade arbeiten. Ich bin näher an den Menschen, mit denen ich arbeiten will, und es geht mir besser. Das ist keine schöne Pointe, es ist einfach so.

Einer der beiden, die geblieben sind, ist jung. Er arbeitet mit diesen Werkzeugen schneller und einfallsreicher als ich, und ich lerne täglich von ihm. Das ist die Stelle, an der meine eigene Geschichte nicht aufgeht.

Was mich nicht loslässt, ist etwas anderes. Emily hat nicht ersetzt, was an diesem Beruf schwierig ist. Sie hat ersetzt, was daran mittelmäßig war. Und Mittelmäßigkeit ist keine Eigenschaft junger Menschen, sondern eine Phase, die jeder durchläuft. Ich habe fünfzehn Jahre in einer Bank gebraucht, um sie hinter mich zu bringen, und die ganze Zeit über hat jemand dafür bezahlt, dass ich sie brauchen durfte.

Die Frage, auf die ich keine Antwort habe, ist nicht, ob Maschinen Berufsanfänger ersetzen. Sie tun es bereits. Die Frage ist, wo diese Menschen künftig die Jahre verbringen sollen, in denen sie noch nicht gut sind.

Irgendwann wird jemand mit meiner Arbeit machen, was Emily mit ihrer gemacht hat. Ich hoffe, dass ich es dann früher merke.

Emily selbst hat übrigens nichts getan. Sie hat ein Konzept geschrieben. Alles andere wusste ich vorher und hatte es nicht ausgesprochen. So arbeiten Spiegel.

Ich freue mich über eine Reaktion. Widerspruch ausdrücklich erlaubt. s.morgner@leadership-munich.org
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