Sebastian MorgnerFühren mit Sinn & Struktur

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Unternehmenswert

Wofür

Ein Lebenswerk gewinnt an Wert, sobald sein Eigentümer weiß, wofür er es gebaut hat.

Ein Gasthaus in Ostwestfalen, November, auf den Tellern Grünkohl mit Pinkel. Mir gegenüber saß der Gründer eines Softwareunternehmens. Er hatte mein Buch gelesen und wollte reden, und man sah ihm an, dass es nicht ums Buch ging.

Er hatte die Firma vor Jahrzehnten aufgebaut. Jetzt dachte er ans Verkaufen, hatte Berater gefragt, was sie wert sei, und eine Zahl bekommen, die ihn kränkte. Nicht weil sie klein gewesen wäre im absoluten Sinn. Sondern weil sie kleiner war als das, was er in dieses Unternehmen hineingelegt hatte.

Die Lage war schnell erzählt. Vor einigen Jahren hatte er einen CEO eingestellt, der ausgezeichnet kommunizierte. Der Mann schrieb wöchentlich einen Blog, führte neue Arbeitsmethoden ein und gewann rasch das Vertrauen der Belegschaft. Von außen sah das aus wie moderne Führung. Nur hatte das Unternehmen seit sechs Jahren keine echte Innovation mehr auf den Markt gebracht. Die besten Entwickler saßen in Meetings. Die Infrastruktur war dem, was gerade kam, nicht gewachsen.

Er fragte mich, wie man ein Führungsteam neu aufstellt.

Ich habe darauf nicht geantwortet. Ich habe stattdessen gefragt, wofür er die Firma eigentlich gebaut hat.

Er redete zunächst weiter über Bewertungsmultiples. Dann, irgendwann zwischen Grünkohl und Nachtisch, kam etwas anderes. Er sprach von seiner Faszination für Technik, und dann von der Einsicht, die am Anfang von allem gestanden hatte: dass solide, verlässliche Zahlen aus der Buchhaltung der Kern jedes Unternehmenserfolgs sind. Nicht weil Zahlen an sich etwas wert wären. Sondern weil erst Transparenz gute Entscheidungen möglich macht und einer Organisation Orientierung gibt. Dafür hatte er die Firma gebaut.

Dann sagte er, er könne nicht mehr benennen, wann sein Unternehmen zuletzt etwas gemacht hatte, das dieser Beschreibung entsprach.

Das war die Diagnose, und er hat sie selbst gestellt. Ich habe nur gefragt.

Mir ist die Ironie erst auf der Rückfahrt aufgegangen. Da hatte jemand ein Unternehmen auf der Überzeugung gebaut, dass Transparenz die Voraussetzung guter Entscheidungen ist, und in diesem Unternehmen konnte niemand mehr sagen, wohin es unterwegs war. Am wenigsten er selbst. Das Prinzip, das er anderen verkaufte, galt im eigenen Haus nicht mehr.

Erst danach ging es um Führung, und dort lag ein Missverständnis, das teurer ist als fast jeder andere Managementfehler: die Verwechslung von sichtbarer Führung mit wirksamer. Der CEO tat nichts falsch. Er tat einen Teil des Jobs sehr gut und einen anderen gar nicht. Aufmerksamkeit floss in Kommunikation und Methodendebatten statt ins Produkt. Entscheidungen fielen spät, weil niemand genau wusste, wer sie fällen durfte. Endlose Meetings sind fast immer ein Symptom ungeklärter Entscheidungsrechte. Und die Organisation war erschöpft, obwohl sie ständig beschäftigt war. Nichts zehrt zuverlässiger als sichtbare Aktivität ohne spürbaren Fortschritt.

Was dann folgte, war handwerklich unspektakulär. Ein Zielbild, das aus dem hervorging, was er beim Nachtisch gesagt hatte, kein Leitbild für die Wand, sondern ein Satz, an dem sich Investitionen entscheiden lassen. Ein Quartalsrhythmus, in dem die Führung sich mit den Schlüsselpersonen drei Fragen stellt: Was haben wir erreicht, was hat nicht funktioniert, was ist als Nächstes dran. Und Standards für die Momente, in denen es zählt: wie entschieden wird, wie berichtet wird, wie ein Führungsgespräch abläuft.

Drei Ebenen, ein Rhythmus. Das ist keine Methode, für die man mich braucht. Es steht in Büchern. Was nicht in Büchern steht, ist, worauf der Nordstern zeigen soll, und das kann niemand von außen liefern.

Fünfzehn Monate nach dem Grünkohl startete er den Verkaufsprozess. Er bekam über vierzig ernsthafte Interessenbekundungen und fand einen Investor, der mehr als das Doppelte dessen zahlte, was seine Firma anderthalb Jahre zuvor wert gewesen war.

Hier gehört ein Einwand hin, den ich mir selbst mache. Eine Verdopplung hat nie eine einzige Ursache. In diesen anderthalb Jahren hat sich auch der Markt bewegt; es gab kein Produktwunder und keine Übernahme, aber es gab Zeit, in der vieles zugleich geschah. Wer aus einem einzelnen Fall ein Gesetz macht, betreibt Beratungsmarketing. Und die Zahl beweist ohnehin nicht, was ein Lebenswerk wert ist. Sie beweist nur, was jemand dafür zu zahlen bereit war, und Käufer zahlen für Zukunft, nicht für Vergangenheit. Was sich geändert hatte, war, dass diese Zukunft nun beschreibbar war. Vorher hätte niemand sagen können, wohin dieses Unternehmen unterwegs ist. Nicht einmal sein Eigentümer.

Das ist die Stelle, an der der Fall über sich hinausweist, und sie gilt nicht nur für Eigentümer. Auch ein Bereichsleiter verwaltet ein Werk. Er wird nicht dafür bezahlt, dass sein Bereich beschäftigt ist, sondern dafür, dass er wertvoller wird.

Es ist am Ende dasselbe Prinzip, das der Gründer sein Leben lang verkauft hat. Verlässliche Zahlen machen Entscheidungen möglich, weil sie zeigen, wo man steht. Ein Zielbild macht Entscheidungen möglich, weil es zeigt, wohin man will. Beides ist Transparenz, nur in unterschiedliche Richtungen, und wer eine davon nicht herstellen kann, wird von seinen eigenen Zahlen verwaltet.

Bleibt der Teil, den ich am längsten mit mir herumtrage. Er hat verkauft. Er hat anderthalb Jahre daran gearbeitet, wieder sagen zu können, wofür er das alles gebaut hat, und dann hat er es abgegeben. Ich habe ihn danach einmal gefragt, ob es sich richtig angefühlt hat. Ich weiß nicht mehr, welchen Satz er genau gesagt hat. Aber ich weiß, was sich verändert hatte: Er verkaufte nicht mehr nur Anteile. Er wusste wieder, was er in der Hand hielt.

Vielleicht ist das der eigentliche Ertrag. Nicht die Verdopplung, sondern dass am Ende jemand da war, der es hätte sagen können.

Ich freue mich über eine Reaktion. Widerspruch ausdrücklich erlaubt. s.morgner@leadership-munich.org
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